Großes Spiel: Johanna Wokalek im Porträt

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Foto: APA/JORG CARSTENSEN

Auf der Bühne wie im Film – Johanna Wokalek spielt Charakterrollen ohne Mühe. Jetzt ist sie in der Verfilmung des Watzlawick-Bestsellers "Anleitung zum Unglücklichsein" zu sehen. Zeit für eine Rückschau auf das großartige Bühnenspiel der Schauspielerin.

Sie vermittelt: nichts. Keine Arbeit. Keine Anstrengung. Sie macht ja auch: nichts. Sie scheint nur immer einfach da zu sein. Was sie spielt, stellt sie nicht her, jedenfalls nicht so, dass sie zeigt, wie sie’s macht. Sie scheint es immer nur einfach geschehen zu lassen. Als ereigne sich die Rolle, die sie spielt, gerade voll und ganz in ihr. Sie wirkt in allem, was sie spielt, komplett, erfüllt. Es bleiben keine Reste, die als Überbleibselmaterial für Rätsel- und Deutungsspiele taugten, so à la: Wie hat sie’s denngemeint? Aber gerade weil sie so klar und deutlich ist und keine Rätsel aufgibt, bleibt sie eines. Die Mühelosigkeit und Schwere­losigkeit der Vollendung lässt sie auch in herberen Rollen immer wie von einem anderen Gegenweltplaneten her kommen.

HARTINGER WOKALEK Foto: AP/Rudi Blaha Johanna Wokalek in Neil LaButes 'The Sharpe Of Things' Zum Beispiel als sie 2002 auf einer kleinen Salzburger Bühne einen Menschen schuf in Neil LaButes „Maß aller Dinge“. In der Bibel ist der Mensch das Maß aller Dinge. Im Stück des amerikanischen Dramatikers der bürgerlichen Bestienkatastrophen hat er nur ein Maß, wie es ein Ding hat. Er ist so tot wie eine Statue.

Johanna Wokalek spielte hier die Bildhauerin, die ihn formte nach ihrem Bilde. Eine Art Göttin im achten Semester Kunstgeschichte an einer amerikanischen Kleinstadt-Universität. Sie erkennt in ihrem Kommilitonen Adam einen Brocken Fleisch („Fleisch ist ein ungeheuer faszinierendes Material“), nach dem dieses schmale, zarte Mädchenwesen mit einer vollkommenen aasig lächelnden, zynisch-gutgelaunten brillant gemeinen Oberflächlichkeit griff.

Fotoprobe "Der jüngste Tag" Foto: APA/Schlager Roland Wokalek mit Peter Simonischek 2000 in dem Stück 'Der jüngste Tag' Zuerst ging sie mit ihm ins Restaurant, dann ins Bett, dann ins Fitnessstudio, gewöhnte ihm das Fingernägelkauen ab, ließ ihn sein Übergewicht abtrainieren, brachte ihn dazu, sich die Nase operieren zu lassen und sich mit seinen Freunden zu entzweien – und machte aus einem pummeligen, unsportlichen, pickeligen Lang-weiler Adam einen flotten Windhund. Den sie am Ende als Rippe präsentierte, aus dem sie ihre Diplomarbeit geschnitzt hatte. In einem furios bösen Examensdiavortrag führte diese Eva ihren Adam als ihr vollkommen manipuliertes und manipulierbares Geschöpf vor. Selbst sein Heiratsantrag wird zum Analyse-Triumph einer Menschenmacherin.

Selbst­verständlichkeit

Johanna Wokalek Foto: AP/Gero Breloer 2009 spielte Wokalek die Hauptrolle in in Sönke Wortmanns 'Die Päpstin' Die gebürtige Freiburgerin (Jahrgang 1975) war zu diesem Zeitpunkt (2002) erst siebenundzwanzig – und schon ein Größe, die ganz bei sich war in zart-zäher Unbeirrbarkeit: Noch die größte Gemeinheit kam hier mit souveräner Trockenheit und Selbst­verständlichkeit eines Wesens daher, das durch die Welt geht, gegen die sie wie imprägniert scheint. Im Jahr zuvor (2001) war sie im Wiener Burgtheater das Kleistsche Käthchen-Mädchenwunder (in der Regie von Andrea Breth): völlig hell und klar und unbedroht noch unter Tränen, souverän noch in äußerster Hingabe und Liebeszerfließen. Ein träumerischer Vernunftbolzen mit Madonnengesicht und zartem, dünnem Haar, ein vernünftiges Traumding mit Wucht und Stärke. Am Ende, als sie ihren Grafen Wetter vom Strahl heiraten darf, fiel ihr Käthchen nicht in eine Zickenohnmacht. Am Ende wird ihr Traum, der wahr wird, nicht zu einem Schrecken, sondern zu einem tollen Wahn, in den sie hineintanzt wie in einen süßen Irrsinn – voller Klarheit und Wahrheit.

Der Baader-Meinhof-Komplex Foto: NDR/2008 CONSTANTIN FILM VERLEIH NDR PRESSE UND INFORMATION An der Seite von Moritz Bleibtreu im RAF-Drama 'Der Baader-Meinhof-Komplex' Auch hier wieder das Faszinosum eines Fremd-Körpers, einer Fremd-Seele, die sich selber helfen muss und ihr Lebensrätsel mit niemandem außer sich selber teilen kann. Und so flog sie auch in Andrea Breths Wiener Inszenierung von Ödön von Horváths „Jüngstem Tag“ als ein „halbes Kind“ Anna in ein Paradies hinein, in dem sie den Sündenfall aus Unschuld verursacht: Ihr Verlobter, der sie zum Bahnhof bringt, kriegt eine scheue Umarmung, derweil schaut sie fasziniert zum Bahnhofsvorstand hin, den sie aus einer großen strahlenden Laune, einer Tollheit, einem wie fremdgesteuerten Wahn heraus küsst. Sie spreizt ein bisschen die Beine, raubt ihm seine Mütze. Der Bahnhofsvorstand Hudetz vergisst das Signal zu stellen. Der Eilzug entgleist. Achtzehn Tote. Und dann – nach Gerichtsuntersuchung und Freispruch und Meineid („Ich bin nicht schuldig“) – kommt das Mädchen und verführt den Schuldigen dazu, ein „stärkeres Verbrechen“ zu begehen, um sich wirklich schuldig zu fühlen: Im langen Kuss am Viadukt, in einer eisigen, zerklüfteten, zerspiegelten Gebirgslandschaft, erkennen sich Anna und Hudetz in einem biblischen Sinn. Ihr Todeskuss ist genauso eine Laune, ein Unbegreifliches, Zufallendes wie der Signalverhinderungskuss am Anfang. Ein Schnappen nach Leben, nach dem Zustand seliger Unschuld, der nie mehr sein wird. Den sie aber in sich birgt: als etwas Unverlorenes.

Unschuldssehnsucht

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täglich ab 7. Foto: APA/TW1 Vielleicht liegt in dieser fremdartigen, unverkitschten, ganz nüchternen Unschuldssehnsucht der Zauber dieser Schauspielerin, die als Emilia Galotti (2002, wieder in der Wunderregie der Andrea Breth) die Rage eines Kindes spielte, das spürt, dass es zur Beute eines anderen, größeren, mächtigeren Kindes werden soll – des Prinzen, der ihren Verlobten hat umbringen lassen und sie jetzt in seinem Lustschloss verführungssicher gefangen hält. Sie witterte in der Liebe, die der Prinz ihr gestand, das Räuberische, das ihr die Luft nimmt. Und rüttelte vernünftig, unverkitscht und mit unnachahmlicher zart-harter Souveränität an den unsichtbaren Gitterstäben einer Macht, die sich als Liebe zeigt. So wie sie am Hochzeitsmorgen in ihrem Elternhaus ihren eleganten, blasierten Verlobten als Teil des Gitterstäbchenssystems erkannte, das sie dort umgab: des Verlogenen, Beengten, durchaus Komischen auch, das sie wie ein wirrer, starker Vogel zu überflattern suchte. Ein Lebensvogel-Mädchen mit Todesschwingen, so jung und schon so abgeklärt, so toll und noch so naiv, dass sie den Bildern, die ihr Verlobter, ihre Eltern, der Prinz von ihr machen, ihr Gesicht, ihr Eigenes, Großes entgegensetzte: trotzig und schön, selbst dann noch, wenn sie in ihrem Tanzstundenhochzeitskleid zwei Mal kurz in den Armen des Prinzen zur Ruhe kommt. Zwei Kinder, die sich hätten lieben können. Wenn das eine Kind das andere nicht mit seiner Liebe zerstörte. Und wenn sie ihren Vater um den Tod bittet („Eine Rose, gebrochen, bevor der Sturm sie entblättert“), wachsen dem Vogel die Riesenschwingen eines Frauen-Adlers. Sie wächst ins Unfassliche. Und bleibt bei sich. Ein Lessing-Mädchen als Wunderwesen.

ANLEITUNG ZUM UNGL‹CKLICHSEIN Foto: Walter Wehner Johanna Wokalek in ihrem neuen Film Es ist nicht umsonst die Menschenerforscherin Andrea Breth, die Figurenausgräberin, die alte Stücke so inszeniert, als seien sie eben erst geschrieben worden und als müsse man sie staunend als fremde Novitäten erst noch erobern, bei der diese Schauspielerin so perfekt aufgehoben scheint. Auch als Elisabeth in Schillers „Don Carlos“ (Wien, 2004, Regie: Breth) bleibt sie vor den Attacken und Avancen des Männer-Dreiecks (Ehemann, den sie nicht liebt; Stiefsohn, der sie heiß liebt; Marquis von Posa, den sie idealisch liebt) im Schutz ihres Wesens, das sie trägt wie einen geschmeidigen Panzer. Als sie in Andrea Breths „Zwischenfällen“ (2011, Wien: Akademietheater), einer Farcen-Revue aus zweiundfünfzig absurden Szenen von Pierre Henri Cami, Georges Courteline und Daniil Charms, halbnackt auf einem Tisch tanzte, angetan mit einer Gummiwampe, Gummibrüsten und einem Schmuddelmorgenmantel, und den Männern, die an der Tafel saßen, die Butter vom Brot nahm, kippte ihre wundersam geschmeidige Charakterpanzerung ins aber-witzig Groteske. Aber auch dort noch blieb sie ganz bei sich.

Aus dem Buch „Liebeserklärungen. Große Schauspieler, große Figuren“, Gerhard Stadelmaier, Paul Zsolnay Verlag Wien 2012, 238 S., 20,50 €

Der Trailer zu "Anleitung zum Unglücklichsein"

(kurier / Gerhard Stadelmaier.) Erstellt am
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