Grandioses, doppelbödiges Spiel mit Selbstdarstellern aller Arten
Sie sind Österreichs Aushängeschild des zeitgenössischen Tanzes: Mit "False Colored Eyes. Imploding Portraits Inevitable" gelingt Chris Haring und dem Performerkollektiv Liquid Loft einmal mehr ein inhaltlich brisantes und ästhetisch überzeugendes Stück. Die Koproduktion von ImPulsTanz, Burgtheater und Liquid Loft ist bis 13. Mai im Kasino zu sehen.
Tatsächlich sprengt das Stück, das seinen Ausgangspunkt bei Filmen Andy Warhols weiter dreht, die Grenzen zwischen Choreografie und Theater. So warten die sechs ausgezeichneten Performer Luke Baio, Stephanie Cumming, Katharina Meves, Anna Maria Nowak, Arttu Palmio und Karin Pauer mit teilweise traditionellen Gesten und reicher Mimik auf, die als Kontrast zu den mittanzenden Kameras und starken Bildern überraschend aktuell wirken.
Während Warhol seinerzeit Privates und Intimes offenlegte, sind Selbstdarsteller in Selfies und diversen Medienformaten heute längst zu Hause. Da setzt Harings sehr politische Botschaft ein, die das 70-minütige Stück durchzieht.
Perfekte Fakes
Die Welt des Körperlichen ist mit Verdoppelungen, perfekt inszenierten Verfremdungen, Fakes von eingespielten Texten, die wie Sprechblasen über das Stück (Sound: Andreas Berger) hinwegfegen, und Verzerrungen nahezu erdrückend – für Ideelles und für Gefühle bleibt kaum Platz.
Die Kameras nehmen live auf und füllen somit den Bühnenraum (Lichtdesign und Szenografie: Thomas Jelinek). Sie liefern ungewöhnliche Blickwinkel auf Details und bringen eine faszinierende Theatralik ins Geschehen, ermöglichen sie doch jedem Zuschauer gleichzeitig mehrere Sichtweisen einer Situation. Die Haut, Blicke in die Mundhöhlen, unter die Achsel, auf die Fußsohlen, Augen, nichts bleibt verborgen. Intimität sowie Privatheit verschwinden und mit ihnen gleichzeitig die Fähigkeit abseits von Körperkontakten zu kommunizieren.
Haring greift dazu auch auf Zitate aus der Werbung zurück. Textbausteine und Schönheitsideale werden von den Performern wie selbstverständlich aufgesogen. Die Gesichtspflege deformiert natürliche Schönheit, und der permanente Reinigungszwang hilft auch nicht, Inneres nach außen zu kehren.
KURIER-Wertung:
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