Der Nachlass des Schnorrerkönigs

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Kultur Geschichten mit Geschichte
12/29/2019

Wiener Schmäh: Wie der Schnorrerkönig Stars in seinen Bann zog

Poldi Waraschitz finanzierte sein Leben durch großzügige Zuwendungen der Prominenz.

von Georg Markus

Er war eines der großen Originale der Nachkriegszeit. Leopold „Poldi“ Waraschitz hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Reichen und Schönen anzuschnorren und zwischen Kitzbühel, Cannes, München und Wien sehr gut davon zu leben. Knapp 50 Jahre nach seinem Tod zeigte mir seine Nichte den Nachlass des „Schnorrerkönigs“, bestehend aus sieben dicken Alben, in die er Hunderte Fotos und Zeitungsartikel über sein Leben mit der Prominenz geklebt hatte.

Poldi Waraschitz lebte wie ein König und hat nie einen Groschen dafür bezahlt. Das erledigten für ihn Weltstars wie Liz Taylor, Claudia Cardinale, Curd Jürgens und Sophia Loren, die den Lebenskünstler zu ihren Premieren mitnahmen und ihm in noblen Restaurants Kaviar und Champagner spendierten.

Mit den Stars in Kontakt

Martha Müller (69) ist die Nichte des Schnorrerkönigs, dessen Nachlass zuerst ihr Vater – Poldis jüngerer Bruder – und dann sie erbte. Gemeinsam mit ihrem Mann Eduard und ihrem Sohn Edgar versucht sie das außergewöhnliche Leben ihres Onkels aufzuarbeiten. „Onkel Poldi stammte aus einer armen Bauernfamilie in der Gemeinde Lassee im niederösterreichischen Marchfeld und hatte 13 Geschwister“, erzählt die Nichte. „Nach einer Schneiderlehre schloss er sich einer Wanderbühne an und trat als Statist an Wiener Theatern auf. So lernte er Schauspieler wie Maxi Böhm, Heinz Conrads und die Familie Hörbiger kennen, durch die er auch mit anderen Stars in Kontakt kam.“

Waraschitz erledigte zunächst kleine Dienste für die Berühmtheiten, war eine Zeit lang Butler von Gunther Philipp, besorgte Flugtickets für Curd Jürgens. Sein wahres Talent hatte der im Jahr 1900 geborene Lebenskünstler aber schon im Berlin der 1920er-Jahre entdeckt: Er begeisterte die Stars aus Film und Bühne mittels „Wiener Schmäh“ und gewann sie als Freunde. Die Schauspieler schenkten ihm Freikarten ihrer Vorstellungen, die er mitunter weiterverkaufte.

Stets erstklassig gekleidet

In seinen unveröffentlichten Memoiren gab der Schnorrerkönig Einblick in die Kunst des Schnorrens: „Man sollte sich nie an die ganz Reichen wenden, die sind meistens knausrig“, schrieb er, „bei der guten Mittelklasse ist mehr zu holen“. Weiters gehörte es zu Poldis Maximen, „stets erstklassig gekleidet zu sein, es fand sich immer jemand, der mir Maßanzug, Hemd und Krawatte spendierte. Denn nur elegante Leute lässt man in gute Lokale. Man braucht kein Geld zu haben, man darf nur nicht so ausschauen, als ob man keines hätte.“ Die Sakkos, erzählt das Ehepaar Müller, „haben später seine Brüder und Neffen bekommen.“

Martha und Eduard Müller haben „Onkel Poldi“ nicht allzu oft gesehen, da er die Familie nur einmal im Jahr – zum Geburtstag seiner Mutter – beehrte, weil er ständig mit der Hautevolee unterwegs war. Bei der Hochzeit seiner Nichte Martha war er aber dabei, und er ließ sich von Eduard Müller im Wiener Hotel Ambassador abholen, dessen Rechnung übrigens Franz Antel zahlte.

Curd Jürgens zahlt

„Menschenkenntnis“, sagte Poldi Waraschitz, sei die wichtigste Voraussetzung für sein Gewerbe. „Man muss immer wissen, bei wem und auf welche Art man schnorrt.“ Als er etwa zum Grand Prix von Monaco geladen war, rutschte Poldi im Swimmingpool eines Fünfsternehotels so unglücklich aus, dass er sich an der Hand verletzte. Vom behandelnden Arzt nach seinem nächsten Angehörigen gefragt, antwortete er geradezu wahrheitsgemäß: „Curd Jürgens!“ Der kam dann auch für die Spitalskosten auf.

Als Hitler 1933 in Berlin an die Macht gekommen war, übersiedelte Poldi nach Wien, wo man ihn in der Eden-Bar als „der beste nicht zahlende Gast, den wir je hatten“, bezeichnete. Doch es gab auch einen anderen Poldi Waraschitz: „Er hat jüdischen Familien zur Ausreise verholfen“, weiß Eduard Müller, „eine Familie emigrierte nach Argentinien und ließ ihn nach der Nazizeit jedes Jahr in ihre neue Heimat kommen“.

Kaum war der österreichische Film nach dem Krieg wiedererstanden, luden ihn Stars und solche, die es werden wollten, zu den Premierenpartys, weil jedem klar war: Wer mit Poldi fotografiert wird, kommt in die Zeitung, zumal der Schnorrerkönig zeitweise populärer war als viele seiner Opfer. Oder, wie Poldi zu sagen pflegte: „Wer von mir noch nicht angepumpt wurde, der hat es nicht verdient, im ,Who's who’ zu stehen.“

Gratisessen auf Lebenszeit

Zu seinen Gönnern zählten jetzt auch Robert Stolz, Paul Hörbiger, Senta Berger, Uschi Glas, Dietmar Schönherr und Hans Moser (bei dem er seine Meisterprüfung als Schnorrer ablegte, da der große Komödiant besonders sparsam war). „Und der ,Hendlkönig’ Friedrich Jahn“, erzählt Nichte Martha Müller, „gab ihm eine Karte, mit der er auf Lebenszeit in jedem ,Wienerwald’-Lokal der Welt gratis essen und trinken konnte.“

Man traf Poldi in Venedig, München, Acapulco, Hollywood, Las Vegas, beim Hahnenkammrennen in Kitzbühel und bei den Filmfestspielen in Cannes, wobei er Frankreich besonders liebte. Mit einer Einschränkung: „Wenn der Curd Jürgens nicht in Paris ist, merke ich erst, wie teuer dieses Land ist!“

Kein Geld von Gunter Sachs

Am Gipfel seiner Popularität hatte Poldi Waraschitz einen Status erreicht, der es ihm erlaubte, sich seine Förderer aussuchen zu können. Als sich der legendäre Playboy Gunter Sachs einmal in St. Moritz weigerte, mit Poldi fotografiert zu werden, verkündete der Schnorrerkönig dezidiert, „von Herrn Sachs keine Spenden mehr entgegenzunehmen“.

Die Begräbniskosten

Seine Förderer waren es dann auch, die nach Poldis Tod im Jahr 1970 für den Großteil der Begräbniskosten am Friedhof von Lassee aufkamen. Denn der Ruf, der Welt bester Schnorrer zu sein, verpflichtete über Poldis Grab hinaus.

georg.markus