Kurzzeitkanz­ler: "Lasst Breisky und sein Team arbeiten"

Bundeskanzleramt mit Christian Kern
Foto: KURIER/Gilbert Novy Bundeskanzleramt

Als sich abzuzeichnen begann, dass Christian Kern als der vermutlich kürzest dienende Bundeskanzler in die Geschichte der Zweiten Republik eingehen wird, wurde in Medien der Name Walter Breisky genannt, dessen Rekord freilich niemand brechen kann. War er doch – in der Ersten Republik – nur einen Tag lang Bundeskanzler. Wie aber ist es dazu gekommen?Das Wortspiel bietet sich an: Die Herren Breisky und Kreisky waren beide österreichische Bundeskanzler, wenn auch mit äußerst unterschiedlicher Verweildauer: Kreisky war mit 13 Amtsjahren der längstdienende Kanzler des Landes. Und Breisky schrieb ausschließlich infolge der kürzesten Amtszeit aller Regierungschefs Geschichte.

Schuldigkeit getanUnd das kam so: Am 26. Jänner 1922 trat der parteilose Bundeskanzler Johannes Schober wegen einer Krise mit dem großdeutschen Koalitionspartner zurück, worauf der christlichsoziale Unterrichtsminister Walter Breisky sein Nachfolger als Regierungschef wurde. Als 24 Stunden später die Wogen geglättet waren und Schober wieder auf dem Ballhausplatz saß, da hatte Breisky seine Schuldigkeit getan – und Breisky konnte gehen. Er war auch in der neuen Regierung wieder Unterrichtsminister, aber nur noch für ein paar Wochen, denn im Mai 1922 wurde Prälat Ignaz Seipel neuer Kanzler, und der holte Breisky nicht mehr ins Kabinett.In der österreichischen Innenpolitik von einer "Ära Breisky" zu sprechen, wäre angesichts der nur eintägigen Kanzlerschaft etwas übertrieben, und auch für den Wahlslogan "Lasst Breisky und sein Team arbeiten" war die Zeit wohl ein bisserl zu kurz.Breisky, 1871 in Bern in der Schweiz geboren und Jurist wie Fast-Namensvetter Kreisky – war seit 1920, vorerst als Staatssekretär, später als Innen-, Außen-, als Kultus-, Heeres-, Unterrichtsminister und als Vizekanzler Mitglied der Bundesregierung. Bis am 26. Jänner 1922 seine große Stunde schlug und er für einen Tag die Geschicke der Republik lenken durfte.

Tragisches Ende

Nach diesem kurzen Höhenflug zog sich Breisky bald aus der Politik zurück, um 1931 als Präsident des Statistischen Zentralamts in Pension zu gehen.

Lässt sich die Breisky-Biografie bisher mit eher leichter Feder schildern, so verlief der weitere Lebensweg und das Ende des "Eintags-Kanzlers" tragisch. Walter Breisky wurde im September 1944 von der Gestapo vorübergehend festgenommen, nachdem ihn seine Haushälterin "wegen Abhörens des Feindsenders BBC" denunziert hatte. Wieder in sein Haus in Klosterneuburg bei Wien zurückgekehrt, setzte der ehemalige Politiker am nächsten Tag seinem Leben ein Ende.

Er war nur einen Tag Bundeskanzler gewesen. Und er konnte auch nur einen Tag mit der "Schande" leben, wie ein Krimineller gefangen gewesen zu sein.

(kurier) Erstellt am
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