Kultur
23.10.2018

George Ezra live in Wien: Zum versierten Entertainer gereift

Der "Budapest"-Sänger sorgte im Gasometer für einen ausgelassenen, aufbauenden Musik-Abend.

Die Lichter gehen aus und der Donauwalzer erklingt – zum spitzen Gekreische von 3400 Kehlen. Denn das ist nicht das Wiener Konzerthaus, sondern der Gasometer, der Beginn der Show von George Ezra. Aber es ist nicht nur diese einleitende Hommage an die Donaumetropole, die das Publikum des Briten lautstark aufjubeln lässt. Mindestens seit Anfang Juni haben die Fans auf diesen Auftritt gewartet. Seit damals ist Ezras Show restlos ausverkauft. Die Tatsache, dass der 25-Jährige von seinem im Frühjahr veröffentlichten zweiten Album „Staying At Tamara’s“ nur rund 300.000 Einheiten verkauft hat, während das Debüt von 2014 zwei Millionen Mal über die Ladentische ging, scheint - zumindest in Wien - der Euphorie um den „Budapest“-Sänger keinen Abbruch zu tun. 

Gleich zu Beginn der Show offenbart Ezra mögliche Gründe dafür: Die neuen fröhlichen Songs, die er schrieb, um seinen Ängsten in Bezug auf den Zustand der Welt etwas Positives entgegenzusetzen, haben zwar alle nicht mehr so außergewöhnlich markante Melodien wie zum Beispiel „Blame It One Me“. Trotzdem ist ihr Singer/Songwriter-Pop von ansprechender Qualität. 

Auf der Bühne spielt Ezra sie mit einer sechsköpfigen Band mit zwei Bläsern, die auch in perfekter Harmonie die Background-Chören singen und viel Abwechslung auf die Bühne bringen. „Don’t Matter Now“ ist soulig und durchzogen von Funk-Anklängen. „Listen To The Man“ bringt karibisches Flair in den Gasometer. Und „Did You Hear The Rain“ (hier leider ohne das grandiose A-capella-Intro) rockt fröhlich los. „Paradise“ von „Staying At Tamara’s“ ist ein erster ausgelassener Höhepunkt, mit dem schon bei der Hälfte – ganz wie vom Künstler beabsichtigt – die Alltagssorgen weggeblasen sind.

Viel sicherer wirkt Ezra mit dieser Band. Aber er ist wohl auch durch seine Tourneen rund um die ganze Welt zu einem versierten Entertainer gereift. Er ist nicht mehr der schüchterne Einzelkämpfer, der sich noch 2017 mit Gitarre und roten Wangen beim FM4-Frequency durchzusetzen versuchte, aber dort eher nur die jungen Mädchen in seinen Bann ziehen konnte. Hier im Gasometer sind viele Altersklassen vertreten, und die Geschlechter-Verteilung kommt dem Begriff „ausgewogen“ etwas näher.

Auch an Ezras Ansagen merkt man die Wandlung vom Newcomer zu Profi: Humorvoll erzählt er die Entstehungsgeschichte mancher Songs. Viel zu schnell, kommt einem vor, ist er bei der Story vom Interrail-Trip und dem Besuch bei drei schwedischen Freundinnen in Malmö angelangt, die sich unbedingt mit ihm den Song Contest anschauen wollten. Eine Flasche Rum musste er sich kaufen, um das zu verkraften. Am nächsten Tag ging es ihm so schlecht, dass er seinen Zug nach Budapest verpasste. Und jetzt muss er in Ungarn dauernd erklären, dass sein Superhit eigentlich nichts mit der Stadt zu tun hat.

In Wien muss er das nicht. Da kennt jeder den Text des Liebesliedes. Auch wenn danach noch eine Zugabe mit dem ebenfalls tollen „Cassy O’“ kommt, hätte man Ezra gerne auch noch länger zugehört. Aber wer einen Nachschlag will, hat ja noch eine Chance: Am 20. Mai 2019 kommt er noch einmal nach Wien, dann in die Stadthalle. Da sollte dann jeder, der diesmal keine Karten mehr ergattern konnte, welche bekommen.