© Belvedere Wien

Kultur
01/04/2019

Fromm und zugleich frivol: Der "Kremser Schmidt" im Belvedere

Eine Ausstellung zum Werk des 1718 geborenen Malers macht neugierig auf barocke Bildwelten

Barockmalerei: Das ist nicht wirklich der Stoff, aus dem heute Blockbusterausstellungen gemacht werden, außer es geht um Rubens, Rembrandt und vielleicht noch Caravaggio. Dabei war in jener Zeit, als Klimt noch als Kitschmaler und Schiele als Pornograf galt, die Barockkunst Österreichs Imageträger ersten Ranges, nicht zuletzt deshalb, weil sie in so vielen Kirchen zu bestaunen ist. Und wer sich an den Feiertagen wieder einmal in ein Gotteshaus begeben hat, ist vielleicht auch dem Zauber jener Bilder erlegen, in denen Figuren aus dem Dunkel auftauchen und wieder verschwinden, himmelwärts streben oder höllenwärts stürzen: Ihre Dramatik und Rätselhaftigkeit entfaltet sich auch dann, wenn die Inhalte fremd erscheinen.

Martin Johann Schmidt, genannt „Kremser Schmidt“, war einst jedenfalls einer der gefragtesten Schöpfer solcher Gemälde, zunächst in seiner niederösterreichischen Heimatregion, dann in ganz Österreich und darüber hinaus.

Von allen geliebt

Die Überblicksschau des Belvedere (bis 3. Februar), aus Anlass des 300. Geburtstags Schmidts im Vorjahr eingerichtet, kann die großen Altarbilder nicht zeigen, da sich diese meist an ihren ursprünglichen Bestimmungsorten befinden (Hauptwerke sind etwa in der Stiftskirche St. Peter in Salzburg oder im Stift Seitenstetten/NÖ zu sehen). Dass die Schau überwiegend kleine Gemälde, Ölskizzen und auch zeitgenössische Stiche der großen Altarwerke zeigt, ist jedoch kein Nachteil – erzählen diese Formate doch viel über die Verwendung, die Verbreitung und den Markt der Werke des Malers, den eine Schau der Landesgalerie Niederösterreich zuletzt als „Marketinggenie und everybody’s darling“ bezeichnete.

 

Wenn Schmidt auch mithilfe einer großen Werkstatt Großaufträge aus Kirchen und Klöstern stemmte, so belieferte er zugleich eine Sammlerklientel. Die vom Belvedere-Barockexperten Georg Lechner kuratierte Auswahl führt vor, dass es diesen Kunden nicht allein darum ging, vor den Bildern asketischer Eremiten („Hl. Hieronymus“, „Hl. Antonius und Paulus“, 1765) in tiefer Andacht zu versinken: Eine ganze Sektion der Schau ist hochgradig lüsternen Bildern gewidmet, in denen sich antike Sagengestalten ungezügelten Sinnesfreuden hingeben, einander begaffen und betatschen.

Manche dieser Satyr-Nymphe-Amor-Konstellationen scheinen für heutige Augen hart an der Grenze zur Pädophilie angesiedelt. „Das Urteil des Midas“ wiederum wirkt massiv homoerotisch aufgeladen: In dem Gemälde, mit dem sich Schmidt 1768 als Mitglied der Wiener Kupferstecherakademie bewarb, vergleicht der König den bocksfüßigen alten Pan und den jungen Apoll, die sich im Musizieren messen.

Die Wand- und Katalogtexte lassen Interpretationen zum sexuellen Gehalt außen vor, es heißt zu den Satyr-Gemälden nur: „Die Nachfrage muss rege gewesen sein.“

Im Sog der Bilder

Wessen Auge sich einmal in den Bildern festgesetzt hat – es hilft der Umstand, dass zeigende und gaffende Figuren sowie aus dem dunklen Hintergrund auftauchende Elemente immer wieder neue Informationen offenbaren – der will an diesem Punkt aber längst mehr wissen. Wie kam es zu diesem Nebeneinander von Frömmigkeit und Frivolität, was erzählt uns diese Bildwelt über die Moralvorstellungen und Normen von einst? Welche Dinge sind abseits der biblischen und mythologischen Szenen noch dargestellt?

In den drastischen Abbildungen des Kremser Schmidt vermag auch ein Laie die gekonnte Zuspitzung zu bewundern: Die „Blendung Samsons“ zeigt da den brutalen Verlust des Sehsinns, die Darstellung eines „Zahnbrechers“ den puren Schmerz, es scheint, als wäre das sinnliche Erleben das eigentliche Thema des Künstlers. Über die malerische Finesse, die dem Kremser Schmidt den Beinamen „österreichischer Rembrandt“ einbrachte, hat man da noch gar kein Wort verloren.

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