„The Shining“ kehrt als Albtraum in der Fortsetzung „Doctor Sleeps  Erwachen“ wieder

© Warner

Kino
11/20/2019

Filmkritiken der Woche: "Shining"-Fortsetzung und eine Ehe-Geschichte

Fortsetzung von "The Shining",Trennungen in "Marriage Story" und "Una Primavera", Petrunyas Sprung ins kalte Wasser und "Official Secrets".

Filmkritik zu "Doctor Sleeps Erwachen"

Stephen King hasst „The Shining“. Die tiefe Abneigung, die der Bestseller-Autor gegen Stanley Kubricks Meisterwerk-Verfilmung seines Horror-Hits hegt, ist geradezu legendär. Fast vierzig Jahre ist es nun her, seit Jack Nicholson als mordlustiger Hausmeister des Overlook-Hotels mit dem Kampfschrei „Wendy, I’m home!“ nach Hause kam und Frau und Sohn mit geschwungener Axt bedrohte.

Doch Stephen King ist immer noch sauer. Regisseur Mike Flanagan musste all seine Überredungskünste aufbringen, um Kings „Shining“-Fortsetzung „Doctor Sleep“ (2013) mit Zustimmung des Autors verfilmen zu dürfen.

Herausgekommen ist eine düster stilverliebte, überlange und streckenweise gelungen grausige Mischung aus Buchvorlagen-Treue, Hommage an Kubricks Klassiker und Flanagans Regie-erprobtem Gusto für Horror.

Wiedererkennungseffekte sind garantiert. Alte Bekannte aus „The Shining“ machen regelmäßig ihre albtraumartigen Stippvisiten.

Greisenhafte, nackte Frauen in der Badewanne, sinistre Zwillingsmädchen, Blutströme in Hotelgängen, rot-braun-orange Teppich-Muster und ein geisterhaft jungen Jack-Nicholson-Wiedergänger bevölkern die Fortsetzung. Auch Kubricks berühmt lange Kamerafahrten aus der Helikopter-Perspektive lässt sich Flanagan nicht nehmen.

Ein wichtiges Thema im Werk von Stephen King ist offensichtlich Gewalt an Kindern und sorgt für die schaurigsten Momente: Eine vampiristische Sekte, angeführt von einer Frau mit Hut namens Rose, ernährt sich von Kindern. Nicht irgendwelchen Kindern, sondern solchen, die mit den telepathischen Fähigkeiten des Shining ausgestattet sind. Je qualvoller sie sterben, desto besser: Dann entweicht aus ihrem Mund „Steam“, ein Hauch, der aussieht wie Atemwölkchen in der Winterkälte. Wer ihn einatmet, bleibt (fast) ewig jung.

Rebecca Ferguson (Star aus „Mission: Impossible – Rogue Nation“) hat als Sektenführerin Rose zweifellos die einprägsamste Rolle. Mit erotisch aufgeladenem Tremolo in der Stimme („Hi, Sexy!“), das auf Dauer zu nerven beginnt, lockt sie arglose Kinder in die Falle. Der Anblick ekstatischer Erwachsener, die einem brüllenden Buben beim Sterben den letzten Steam wegkeuchen, zählt zu den irritierendsten und unangenehmsten Seheindrücken des gesamten Sequels.

Anonymer Alkoholiker

Vergleichsweise harmlos nimmt sich da das Schicksal von Danny Torrance aus. Er hat als kleiner Bub die Mordattacken seines Vaters überlegt und driftet nun als alkoholkranker Raufbold durch die Lande. Erst der Besuch bei den Anonymen Alkoholikern bringt sein Leben wieder auf die Reihe.

Der „Trainspotting“-erprobte Ewan McGregor wandelt sich gekonnt vom Ex-Alki zum Krankenpfleger in einem Hospiz: Seine Fähigkeit des Shining hilft sterbenden Patienten, ihrem Tod gefasst ins Auge zu sehen und verpasst ihm den Spitznamen „Doctor Sleep“.

Es dauert eine ziemliche Weile, ehe sich die dichten Handlungsstränge zwischen Danny Torrance und Rose zu kreuzen beginnen. Ein Mädchen namens Abra, das von Rose als nächstes Opfer auf den Speiseplan gesetzt wird, nimmt Kontakt zu ihm auf und bittet ihm um Hilfe.

Mike Flanagan liebt es, als Kubrick-Connaisseur ins Publikum zu zwinkern und seine smarten Verweise auf „The Shining“ herzuzeigen.

Ob das auch Menschen beeindruckt, die das Original nicht so präsent haben, bleibt fraglich. Für sie könnte sich der angestrengt cinephile Meister-Mix als Fleckerlteppich mit Spannungslöchern erweisen.

Und Stephen King? Dem hat’s gefallen: „I liked it a lot“, sagte er nach der Premiere.

INFO: USA/GB 2019. 152 Min. Von Mike Flanagan. Mit Ewan McGregor, Rebecca Ferguson.

Filmkritik zu "Marriage Story": Scheiden tut weh

Noah Baumbachs virtuos inszenierte Trennungs-Dramedy „Marriage Story“ riss bei seiner Premiere in Venedig die Leute vom Hocker. Es gab Zwischenapplaus, Gelächter und zerdrückte Tränen, kurzum all das, was die Erinnerung an eine   Ehe – und deren schmerzhafte Scheidung – an Gefühlen so mit sich bringt.

 

Adam Driver (Kylo Ren aus „Star Wars“) und Scarlett Johansson spielen ein New Yorker Ehepaar mit Kind, das vor den Trümmern seiner Beziehung steht. Geht es nach ihm – einem erfolgreichen Theaterregisseur Off-Broadway – ist eigentlich alles nicht so schlimm. Doch für sie, seine langjährige Lebenspartnerin und Darstellerin auf der Bühne, ist längst die Luft heraus. Sie fühlt sich im Schatten ihres Mannes erdrückt und möchte zurück zu ihren Verwandten nach Los Angeles übersiedeln.

Noah Baumbach, Regisseur von so exquisiten Milieuporträts  wie „Greenberg“ und „Francis Ha“, hat die zeitgenössische Variante eines Scheidungsdramas wie  „Kramer gegen Kramer“ mit einer Leichtigkeit entworfen, als hätte er es einfach so aus dem Ärmel geschüttelt. Scarlett Johansson als frustrierte Ehefrau ist von entwaffnender Aufrichtigkeit und erzählt auch feindlichen Anwälten, dass sie abends gern ein Glas Wein trinkt. Adam Driver wiederum vibriert vor kreativer Energie und macht spürbar, wie sein grenzenloser Ehrgeiz eine Lebenspartnerschaft ermüden kann.

Als der Streit um das Sorgerecht losbricht, bringt er in allen Beteiligten das Schlechtestes zum Vorschein; aber Baumbach denunziert keine seiner Figuren.  Stattdessen verfugt er das auseinanderbrechende Beziehungsgefüge mit pointiertem  Witz. Den Vogel an Komik schießt überhaupt Laura Dern als erboste Scheidungsanwältin ab. In einer Wutrede beschwert sie sich darüber, dass eine Frau perfekt sein müsse wie  die Jungfrau Maria. Der Mann hingegen sei wie Gott: (meist) abwesend.

„Marriage Story“ wird jetzt schon als heiße Oscar-Ware gehandelt.

 

Filmkritik zu "Gott existiert, ihr Name ist Petrunya": Sprung ins kalte Wasser

Auf der Brücke neben dem Priester stehen die Schaulustigen. Es ist kalt. Unten am Flussufer zittern halbnackte, junge Männer. Eigentlich dürfen Frauen nicht mitmachen, wenn die „Herren der Schöpfung“ am 6. Jänner ins eiskalte Wasser springen, um das Kreuz zu holen, das ein Priester   hineingeworfen hat. Aber zum Entsetzen der Gemeinde springt auch eine junge Frau.

 

Petrunya ist 32 Jahre alt und studierte Historikerin. Trotz, oder vielleicht sogar wegen ihrer Bildung gehört zu den Verlierern in der patriarchalischen Gesellschaft Mazedoniens. Moderne Frauen haben hier nichts zu melden. Als sie nach ihrem Tauchgang am Dreikönigstag das Kreuz triumphierend in die Höhe hält, meinen die Bewohner, Petrunya hätte „der Teufel geritten“. In der orthodoxen Gemeinde wird die Stimmung bedrohlich. 

Der Spielfilm beruht auf einem authentischen Fall in einem kleinen Dorf in Nordmazedonien. Als dort 2014 eine Frau das Kreuz an sich reißt, wird dies von der Bevölkerung und der Kirche als Frevel betrachtet. Der Spielfilm spitzt den Konflikt noch mit der Frage zu: „Was wäre, wenn Gott eine Frau wäre?“ Polizei, Staatsanwaltschaft und auch der Priester werden zunehmend nervös.   

 

Die Regisseurin Teona Strugar Mitevska erweitert den vordergründig religiös motivierten Konflikt zu einem tiefgründigen Sittenbild der postkommunistischen Gesellschaften, in denen Frauen zwischen archaischen Traditionen und modernen Einflüssen aufgerieben werden. Entsprechend harsch entlarvt sie den zornigen Männermob: Die jungen Männer  mit ihren kahl geschorenen Köpfen und nationalistischen Tattoos, wirken ebenso gefährlich wie lächerlich. Die Zukunft des Landes wäre in Frauenhänden besser aufgehoben.

Text: Gabriele Flossmann

INFO: MKD 2019. 100 Min. Von  Teona Strugar Mitevska. Mit Zorica Nushev, Labina Mitevska.

Filmkritik zu "Official Secrets": Kampf gegen verlogenen Kriegsvorwand

Sie wollte den Irak-Krieg verhindern und wurde von der Justiz verfolgt: die Mitarbeiterin des britischen Geheimdiensts Katharine Gun. Im Jahr 2003 leitete sie – zunächst anonym – ein nicht für die Öffentlichkeit bestimmtes Dokument an die linksliberale Zeitung „Observer“ weiter. Darin war von Aktionen britischer und amerikanischer Spionagedienste die Rede, mit denen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats dazu gebracht werden sollen, für den Kriegseinsatz im Irak zu stimmen. Katherine Gun wird zur Whistleblowerin, weil sie an diesem verlogenen Kriegsvorwand nicht mitschuldig sein will (der KURIER berichtete).

 

Der Film rollt  das damalige Geschehen in Form eines schnörkellosen Politthrillers auf. Er macht Katharine Gun mit ihrem Anti-Kriegs-Kriegszug zu einer Hauptfigur, die sie nie war. Statt äußerlicher Action setzt der Film auf die inneren Skrupel seiner Heldin, deren größte Sorge ist, dass ihr Einsatz – der auch die Existenz ihres Mannes bedroht – umsonst sein könnte.
 

Keira Knightley spielt Katharine Gun leise und unsicher. Der Film verzichtet darauf, dem Scheitern seiner Hauptfigur einen tragischen Aspekt zu verleihen, Pathos wird weitgehend vermieden. Keira Knightley, die in den meisten ihrer Filme vor allem schön anzusehen ist, übt sich hier in äußerlicher Unscheinbarkeit, gepaart mit schauspielerischer Überzeugungskraft. Wie übrigens auch ihre männlichen Kollegen.

Text: Gabriele Flossmann

INFO: USA/GB 2019. 112 Min. Von Gavin Hood. Mit Keira Knightley, Matthew Goode.

Filmkritik zu "Una Primavera": Scheidungsversuch nach 40 Jahren Ehe

„Letzten September verließ meine Mutter meinen Vater und unser  Haus in Italien. Sie zog bei mir in meiner Wohnung in Berlin ein“, erzählt die Filmemacherin Valentina Primavera aus dem Off. Als Reaktion auf dieses Ereignis nahm sie, die Tochter, ihre Kamera und dokumentierte den verzweifelten Aus- und Aufbruch ihrer Mutter – aus Dankbarkeit, wie sie sagt, „und um einen Moment des Mutes festzuhalten“.

Fiorella beschließt nach vierzig Jahren Ehe mit häuslicher Gewalt, ihr bisheriges Leben im Alter von 58 hinter sich zu lassen. Primavera folgt den Versuchen ihrer Mutter, die Scheidung einzureichen und entwirft dabei ein herausragendes, inniges und schmerzhaftes Porträt einer italienischen Familie. 

INFO: D/I/Ö 2018. 80 Min. Von Valentina Primavera. Mit Fiorella di Gregorio, Alessia Camilletti.

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