"Mit Liebe und Chansons": Zuflucht finden in den Songs von Sylvie Vartan
Leïla Bekhti als Mutter, die alles für ihren Sohn tut: "Mit Liebe und Chansons".
Von Gabriele Flossmann
Ebenso humorvoll wie berührend erzählt diese Tragikomödie über die Liebe einer Mutter, die dafür kämpft, dass ihr Sohn – er ist mit einem verkrüppelten und missgebildeten Fuß geboren - ein normales Leben führen kann.
Die ersten Szenen zeigen den französischen Anwalt und TV- und Radiomoderator Roland Perez an einer Schreibmaschine sitzend. Er schreibt gerade an seiner Autobiographie unter dem Titel „Ma mère, Dieu et Sylvie Vartan“ (Meine Mutter, Gott und Sylvie Vartan, 2021), auf der dieser Film basiert. Damit wird auch gleich die Erzählperspektive vorgegeben, nach der Perez selbst aus dem Off die wichtigsten Ereignisse seines Lebens kommentiert.
Er erzählt von seinen Eltern, die als marokkanisch-stämmige Juden mit fünf Kindern in Paris lebten, von seiner Geburt – und von der Betroffenheit des Arztes, als er die gravierende Fehlbildung des Neugeborenen entdeckt. Die Mutter Esther will zunächst nichts davon wissen, dass ihr Sohn einen Stützapparat benötigen und nie normal gehen wird. Mit unermüdlicher Energie und Optimismus trägt sie ihn durch Paris, sucht Ärzte, Wunder und Gottes Hilfe. Schließlich wendet sie sich an eine Heilerin, die Roland in eine Art Korsett steckt, das ihn über 18 Monate immobilisiert. In dieser Zeit findet er Zuflucht im Fernsehen - und in den Liedern der Chanson- und Popsängerin Sylvie Vartan, die damals auf dem Höhepunkt ihrer Karriere stand. Stundenlang hört er ihre Songs und bleibt dabei ruhig in seinem Korsett liegen. Bis er schließlich – langsam und überaus mühsam - das Gehen erlernt.
Getragen von einer großartig spielenden Leïla Bekhti erzählt der Film im Cinemascope-Format von der grenzenlosen Liebe einer Mutter. Von ihrem unerschütterlichen Glauben, Berge versetzen und auch für den behinderten Sohn überwindbar machen zu können. Unterstrichen werden die starken Gefühle von kräftigen Farben. Kleidung, Frisuren und Ausstattung lassen die Atmosphäre der 1960er Jahre auferstehen. Das hohe Erzähltempo, das auch durch die Musik unterstützt wird, sorgt dafür, dass nie Leerlauf aufkommt.
Tragikomödie um eine übergroße Mutterliebe: "Mit Liebe und Chansons".
Die Leidenschaft und der Einsatz der Mutter wird in diesem außergewöhnlichen „Coming-of-Age“-Film bisweilen zu sehr – um nicht zu sagen: zu sentimental – zelebriert. Aber er thematisiert auch sehr eindringlich die Schattenseiten dieser Mutter-Sohn-Beziehung. Im zweiten Teil des Films erleben wir den erwachsenen Roland, der weiterhin unter dem Einfluss der Mutter steht. Dabei kommt es immer wieder zu Fremdschäm-Momenten, wo man sich wünscht, dass er eigenständiger wäre.
Die Mutter will nämlich ihren Sohn nicht und nicht loslassen. Diese Umklammerung zeigt sich, als sie für ihn eine „passende“ Ehefrau aussuchen will, und auch über die Ausübung seines Anwalts-Berufs wacht sie wie die berühmt-berüchtigte „Glucke“. Gleichzeitig fällt es auch Roland schwer, sich von seiner Mutter zu lösen. Weil er ihr nicht weh tun will. Bis es ihm gelingt, sein Kindheits-Idol Sylvie Vartan persönlich zu treffen – und sogar ihr Anwalt zu werden. Die Lieder des Stars bestimmen nicht nur den Soundtrack - die heute 81-jährige Sängerin spielt in diesem Film auch mit. Sie spielt sich selbst.
INFO: F 2025. 104 Min. Von Ken Scott. Mit Leïla Bekhti, Jonathan Cohen.
Kommentare