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Interview
12/05/2019

Feine Sahne Fischfilet: "Morddrohungen bekommen wir zuhauf"

Am Samstag spielt die Band in Wien, die sich in Deutschland mit den Rechtsextremen anlegt.

von Brigitte Schokarth

Seit Jahren engagiert sich die Band Feine Sahne Fischfilet gegen Rechtsextremismus – mit Folgen: Ein Konzert in Dessau wurde wegen einer Bombendrohung abgesagt, die AfD lief gegen ein anderes Konzert Sturm. Sänger Jan Gorkow spricht im KURIER über Politik, Aggression und Morddrohungen.

KURIER: Das Konzert am 7. Dezember im Gasometer ist Ihr letzter Wien-Auftritt vor einer längeren Live-Pause. Wieso wollen Sie sich für eine Weile aus dem Tourleben zurückziehen?
Jan „Monchi“ Gorkow: Wir waren in den letzten Jahren sehr viel unterwegs. Ich war voriges Jahr an 300 Tagen nicht zuhause und freue mich jetzt sehr auf Ruhe. Aber wir haben es in diesem Jahr auch überhaupt nicht geschafft, in den Proberaum zu gehen und an neuen Songs zu arbeiten. Deshalb haben wir gesagt, wir gehen jetzt nochmal mit „Sturm & Dreck“ auf Tour, spielen in all den Orten, wo wir seit Erscheinen Anfang 2018 noch nicht waren. Und dann beginnen wir in Ruhe, an neuen Songs zu arbeiten.

Das heißt, ein neues Album von Feine Sahne Fischfilet gibt es frühestens 2021?

Wie haben da keinen Druck und auch noch keine Pläne. Wenn es nicht gut läuft, kommt das nächste Album vielleicht auch noch später. Denn das Schlimmste wäre, es zu erzwingen. Wir müssen einfach in den Proberaum gehen und schauen, wie es läuft.

Gibt es schon textliche Ideen dafür?

Ich empfinde das Texte schreiben ja immer ein bisschen wie Tagebuch schreiben und will das festhalten, was um uns herum los ist. In den letzten zwei Jahren ist auch sehr viel passiert - in der Welt, bei mir persönlich und in der Band. Wir spielen jetzt in all diesen großen Hallen, aber immer auch noch in kleinen. Und diese Ambivalenz ist schon krass. Ich lebe immer noch in Mecklenburg-Vorpommern, wo ich immer schon gelebt habe. Aber jetzt sprechen mich auf einmal Leute auf der Straße an, äußern sich sowohl positiv wie negativ zu mir und der Band. Das reicht von „supercool“ bis „Ihr seid der letzte Dreck“. Das ist sicher sehr interessant zu verarbeiten.

Glauben Sie, dass es politisch motiviert ist, wenn Sie so negativ angegangen werden? Sind das Rechtsextreme, die damit ihre linke Haltung meinen?

Ich habe selten mitbekommen, dass mich die Leute wegen der Musik angegangen sind. Und es ist auch völlig okay, wenn jemand sagt, ich finde die Musik nicht geil. Die, die aggressiv auf mich zukommen, sind sicher Leute, die mich für unsere politische Haltung angehen. Das formulieren sie ja auch sehr klar.

Erschreckt Sie das?

Es kommt darauf an, wer was sagt. Für uns steht im Vordergrund, dass wir jetzt so tolle Konzerte spielen dürfen. Wir haben auf der letzten Tour riesige Festivals gespielt. Vor ein paar Jahren haben wir in Wien noch für ein paar Hundert Leute gespielt, jetzt sind es ein paar Tausend. So angegangen zu werden, ist dann halt die negative Begleiterscheinung.

Sie wollten immer, dass sich das Politische nicht vor die Musik stellt. Aber ist das nicht das, was gerade passiert?

Dass das so in den Vordergrund gerückt wird, geht uns sicher auf die Nerven. Aber es würde uns natürlich nie davon abhalten, uns weiter für unsere Werte zu engagieren. Und wenn Leute sich dann ein Live-Konzert von uns anschauen, sehen sie ja, dass wir nicht nur politische Parolen dreschen, sondern auch eine geile Live-Band sind. Auf der letzten Tour sahen uns über 100.000 Leute. Das spricht für sich. Das hätten wir uns niemals erträumt, und da fühlen wir uns genug geehrt. Dann ist es auch okay, wenn manche Leute versuchen, uns immer nur auf das Politische zu reduzieren, oder mich damit nerven, dass sie mich auf Texte ansprechen, die ich mit 17 oder 18 Jahren geschrieben habe.

Sie sprechen das erste Album an, in dem es nur um Sex und das Saufen ging und die Texte mitunter auch sexistisch waren. Wann setzte bei Ihnen das politische Bewusstsein ein?

Da gab es nicht den einen konkreten Auslöser. Wir sind jetzt an die 30 Jahre alt und haben einfach mehr über alles nachgedacht. Es wäre traurig, wenn wir immer noch auf dem Stand von 17-Jährigen wären. Aber damals auf dem Dorf war es ganz normal, dass Leute Nazi-Bands und die Ärzte gleichzeitig gehört und dazu gekifft haben. Das war alles unlogisch, aber Politik war uns damals noch völlig egal. Wir wollten nur eine Band haben und Musik machen.

Ende August lief die AfD gegen eines Ihrer Konzerte in Spandau Sturm. Wie kam es dazu?

Wir haben ein Konzert in Spandau gespielt, zu dem 10.000 Leute kamen. Es war ausverkauft und ein wunderschöner Abend. Selbst das Sicherheitspersonal hat nachher gesagt, dass es selten so wenig Ärger gab. Sechs Wochen später liest du dann, dass die AfD bei der CDU anfragt, um weitere Konzerte von uns in Spandau zu verbieten. Sie sagten, es wären Bierflaschen aus Glas reingereicht worden, was nicht stimmt. Es waren nur Plastikflaschen. Sie bemängelten im Nachhinein die Pyrotechnik, die aber angemeldet war. Aber das sind ohnehin alles nur Ausreden, weil sie politisch gegen uns sind. Und der CDU-Stadtrat von Spandau verspricht daraufhin, dass man Feine Sahne Fischfilet dort nicht mehr sehen wird. Aber ich glaube, das ist das, worauf man sich in der Zukunft einstellen kann: Dass die CDU immer mehr über das Stöckchen der AfD springen wird und immer mehr versuchen wird, auch kulturelle Institutionen und kulturelle Acts einzuschüchtern. Für uns ist wichtig, da dagegen zu halten. Wir sind sicher nicht die einzigen, denen es so geht.

Sie polarisieren aber schon mehr als andere linksgerichtete Rockbands. Wieso ist das so?

Ich glaube, das liegt daran, dass das für uns schon so ein großes Ding ist, dass wir nicht nur labern, sondern auch tun und dorthin gehen, wo es weh tut. Wenn wir zwei Wochen in Thüringen spielen, wo ständig Nazi-Festivals stattfinden, machen wir das ganz bewusst. Wir könnten auch in einer großen Halle in einer Stadt spielen, spielen aber dort in einem Dorf im Schützenhaus, weil wir denken, dass das auch wichtig ist.

Aber wie effektiv kann das sein? Die Meinung von Extremisten werden Sie nicht ändern können.

Ich will auch keine Nazis verändern, ich bin kein Sozial-Arbeiter. Es geht uns dabei darum, die coolen Leute in den Dörfern zu unterstützen. Denn ich halte nichts davon, dass man so tut, als wären in gewissen Gegenden in den Provinzen nur Nazis. Wenn man so denkt, wird das auch irgendwann so sein.

Ich nehme an, solche Shows müssen Sie mit verstärkter Security spielen . . .

Selbstverständlich ja. Das ist kein Spiel. Wenn man sieht, wie die Rechtsextremisten CDU-Politiker wie Walter Lübcke abknallen, weiß man, wie präsent sie sind. Und man kann ihnen viel vorwerfen, aber nicht, dass sie nicht sagen, was sie machen werden: Morddrohungen bekommen wir zuhauf! Aber da sind wir bei weitem nicht die Einzigen.

In Ihren Texten sind sie nicht zimperlich in der Wortwahl. Ist Ihnen Poesie nicht so wichtig?
Ich schreibe einfach so, wie ich spreche. Das ist das, was ich kann, ich bin kein Poet. Ich persönlich finde Musik, bei der Leute nur schlau quatschen, nicht gut. Mich berührt nur, wenn etwas authentisch ist. Und so machen wir das bei Feine Sahne Fischfilet auch.