Kultur
30.06.2018

Erzählen von Bangkok bis nach Zürich

Der großartige Roman "Eine dieser Nächte" der gebürtigen Ungarin Christina Viragh.

Das sind keine Nebensächlichkeiten, wenn man von seiner Familie erzählt, wenn die Vorfahren dadurch wieder einen Platz im Leben bekommen.
Der amerikanische Passagier Bill übertreibt es ein wenig. Kaum sitzt er in Bangkok im Flugzeug Richtung Zürich, beginnt er mit seinen Geschichten. Laut redet er!  Vom Vater, der in Vietnam ums Leben kam, von einer Schamanin, auch von einer Zitterpappel ...
Die Sitznachbarn ärgern sich zuerst, dann erzählen auch sie, und es gibt Verbindungen zum verpfuschten Leben des Mister Bill, der seinen Whisky verwirrenderweise immer „Martha“ nennt.  Er bestellt andauernd eine neue „Martha“. Die Verbindungen sind tödlich.

Großartig. Großartig, wie wenig die gebürtige Budapesterin Christina Viragh – als Übersetzerin beispielsweise von Peter Nádas preisgekrönt – braucht, um einen Chor zu erzeugen, mit dem man zwölf Stunden im Flugzeug sitzen möchte.
Anders gesagt, man hält die 500 Seiten nicht nur durch, sondern will jede einzelne Seite lange haben.
Dieser Roman ist  „Eine dieser Nächte“, in denen die Literatur stärker ist als der Wunsch zu schlafen.

 

Christina
Viragh:
„Eine
dieser Nächte“
Verlag
Doerlemann.
496 Seiten.
28,80 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern