Kultur
10.10.2018

Element Of Crime: Bekannt, aber schief und seltsam

Sänger Sven Regener spricht im Interview über den surrealen Alltag, blöde Echo-Preise und den autoritären John Cale.

Der Idiot von gegenüber droht, weil die Musik zu laut ist. Ein anderer Nachbar stinkt genauso aus dem Mund wie sein Hund, und die Frau in der Wohnung oben hat 20 blöde Katzen und sich beide Hände verbrüht.

Dieses Szenario zeichnet Element-Of-Crime-Sänger Sven Regener in dem Song „Ein Brot und eine Tüte“. Dabei schlüpft er in die Rolle des „einzigen vernünftig denkenden Menschen“ eines Mehrfamilienhauses, der total verbittert ist und, während er den Einkaufszettel memoriert, darüber sinniert, was er an den anderen hasst.

„Ich weiß gar nicht, wie ich darauf gekommen, bin“, sagt Regener im KURIER-Interview. „Aber ich fand das aufgrund der Sprache dieses Typen und wegen seines Standpunktes interessant. Aber der bin ich garantiert nicht! Das ist eine Rolle, die ich spiele.“

Auch wenn die Protagonisten der anderen Songs von „Schafe, Monster und Mäuse“, dem neuen Album von Element Of Crime, weniger Rollenspiel sind und mehr mit Regener selbst zu tun haben, ist der Song doch typisch für dieses Album, bei dem die Berliner im Sound keine großen Überraschungen bieten. Da bleiben sie ihrem melancholischen Folk-Rock mit gelegentlichen Mariachi-Einflüssen treu.

Real und surreal

Textlich aber wird Autor Regener diesmal sehr konkret, baut viel von Berlin – etwa den Kurfürstendamm und das Prinzenbad – aber auch Personen-Namen in die Songs ein: „Mir geht es darum, dass man so ein Lied hört und sich daran erfreuen kann, weil man sich damit identifizieren kann“, erklärt er. „So kann auch ein trauriges Lied schön sein, weil es einem mit seiner Existenz versöhnt. Und oft ist es leichter, sich zu identifizieren, wenn ein gewisses Maß an Realismus dabei ist. Und besonders schön ist es, wenn sich das mit surrealen Gegebenheiten mischt. Deshalb arbeite ich mit lauter Dingen, die bekannt sind, aber alles ist leicht schief und seltsam.“

Viel von dem Charme von Element-Of-Crime-Platten liegt in diesem Ansatz. Er macht die Songs der Band genauso anheimelnd wie spannend und merkwürdig. Der Alltag wird in seinen Details zur Groteske verzerrt, wobei Regener Sozialkritik nur unterschwellig einbaut.

In seinen Texten will sich der Sänger und Trompeter, der sich auch als Autor mit seinen Romanen rund um die Figur „Herr Lehmann“ einen Namen gemacht hat, politisch nicht positionieren.

Auch in Interviews nahm er bisher immer davon Abstand. Das änderte sich bei den Echo-Awards 2018, als Farid Bang und Kollegah für ein Album ausgezeichnet wurden, das antisemitische und gewaltverherrlichende Raps beinhaltet. Regener meldete sich zu Wort, weil er ein schlechtes Gewissen gegenüber Campino hatte, dem Sänger der Toten Hosen, der sich noch bei der Verleihung gegen eine Zensur, aber auch für ein Bewusstsein in Bezug darauf aussprach, „was als Provokation erträglich ist und was nicht“.

„Ich dachte, warum immer alles dem armen Campino überlassen“, sagt er. „Der ist ja total überlastet. Ständig und überall muss er sich um alles kümmern. Ich finde das sehr ehrenwert. Ich könnte das aber nicht. Deshalb dachte ich nach der Echo-Sache: Jetzt kriegt der Arme schon wieder so einen blöden Echo, den er gar nicht haben will, und dann muss er noch eine Rede schwingen.“

Es ging Regener aber auch um die Hysterie, mit der die Diskussion geführt wurde und sich zum Streit um die Freiheit der Kunst hochschaukelte. „Das war ja eben nicht das Thema. Es hat ja keiner gesagt, Kollegah und Farid Bang werden dafür eingesperrt, der Song wird verboten, oder sie müssen eine Geldstrafe dafür zahlen. Die Frage ist: Was findet man gut, was nimmt man hin und wofür kriegt man noch einen Preis? Brauche ich so etwas beim Echo-Abend? Ich habe gesagt: Nein! Und ich bin dann auch früher gegangen. Ich muss nicht jeden Scheiß in Ordnung finden, nur weil es Kunst ist. Es gibt auch schlechte Kunst!“

Strenge statt Streit

Gegründet wurde Element Of Crime 1985. Gleich das zweite Album „Try To Be Mensch“ wurde von John Cale produziert. Stand je eine weitere Zusammenarbeit mit dem renommierten Art-Rock-Künstler im Raum?

John Cale war auch sehr autoritär und streng. Was für eine junge Band gut ist, weil dann streiten sie nicht so viel. Das ist schon wichtig: Wenn da einer ist, gegen den sie sich verbünden können, halten sie zusammen. Wegen dieser Art war Cale als Produzent ein Spezialist für Debüt-Alben. Insofern hat er das mit uns gut gemacht. Er hat uns da durchgepeitscht, als wenn der Teufel hinter uns her wäre. Das war schon stark. Aber ein zweites Mal hätte man das nicht gebraucht.“