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Literatur
01/12/2019

Ein Roman über Stella Goldschlag verlangt Mut

Takis Würger schneidet nicht "scharf" in den Kopf der Denunziantin und Antisemitin.

von Peter Pisa

Man will lange Zeit nicht glauben, dass „Stella“ von Stella Goldschlag (1922– 1994) handelt.
Die ganze Wahrheit, fast die ganze Wahrheit, über Stella Goldschlag steht erst im  Epilog. Nur kurz. Zu kurz.
Spiegel-Redakteur Takis Würger wollte wohl nicht, dass man erschlagen wird beim Lesen.
Sein Roman will nicht hart in Fleisch und Köpfe schneiden, sondern umkreist lieber die  Frage: Ist es falsch, einen Menschen zu verraten, um einen anderen zu retten?
Stella Goldschlag lieferte, genau weiß man es nicht, bis zu 3000 Juden, die sich in Berlin versteckt hielten, an die Gestapo aus. Sie war die fleißigste „Greiferin“.
Stella Goldschlag ist nicht die ideale Person, um die Frage  erörtern.

Möbelwagen

Friedrich heißt der 16-Jährige aus der Schweiz mit vermögendem Vater, den es 1942 nach Berlin zieht.
Er hat gehört, dort holen Möbelwagen die Juden ab und transportieren sie weit weg. Friedrich will  wissen,
ob das wahr ist.
Er sieht seit einer Kopfverletzung nur schwarz-weiß. Reicht das nicht ohnehin fürs damalige Berlin?
Berlin ist Champagner und Terror, Berlin foltert und musiziert. Berlin hungert und lässt sich aus Frankreich Camembert kommen.
Friedrich lernt eine 20-jährige  Lebenslustige kennen. Kristen heißt sie, sagt sie. Sie verdient Geld, indem sie in der Kunstschule Modell sitzt; und in einem Nachtlokal singt.
Einer jüdischen Bettlerin steckt sie heimlich einen Sack Kaffeebohnen zu.
Wie passt, dass sie Nazi-Gedichte aufsagen kann und das Horst-Wessel-Lied singt?
Nichts passt bei ihr.
Als ihre Eltern und sie als „U-Boote“ verhaftet wurden und man sie, die Tochter, geprügelt und freigelassen hat, verrät sie Friedrich: Sie heißt Stella Goldberg und
 ist Jüdin. Nur langsam bekommt er mit, dass sie fortan für die Gestapo arbeitet...

Ohne Skalpell

Wird schon sein, dass Stella anfangs Menschen ans Messer lieferte, um ihre Eltern zu retten. Aber sie nahm Geld.
Und sie machte mit dem Denunzieren weiter, als ihre Eltern  in Auschwitz ermordet wurden.
Nach dem Krieg (und nach zehn Jahren Haft) fiel Stella Goldschlag als bekennende Antisemitin auf.
Nie hat sie gesagt, warum sie’s gemacht hat.
 DAS wäre den Versuch wert gewesen, eine Antwort zu finden. Takis Würgers einfache Sätze hätten sich gut als Skalpell geeignet.
Stattdessen listet er lieber auf, was im Mai 1942 sonst geschah (Bing Crosby nimmt „White Christmas“
 auf ...) und im August, im September. Unterbrochen wird der Erzählfluss auch mit Zeugenaussagen über Stella Goldschlags Verbrechen.
So etwas kommt bestimmt gut an.
Laut Daniel Kehlmann hat Würger versucht, das Unmögliche zu erzählen.
Das ist wegen Mutlosigkeit gescheitert.
Hingegen: Bleibt man mit den Erwartungen  auf dem Boden, ist „Stella“ eine Geschichte über die Liebe.


Einzige Lesung in Wien: 25. Februar um 19 Uhr im Buchkontor, Kriemhildplatz 1 im 15. Bezirk.

 

Takis Würger: „Stella“
Hanser Verlag.
224 Seiten.
22,70 Euro.


KURIER-Werung: ****