© APA/dpa/Martin Gerten

Ein Jahr "Fall Gurlitt"
11/03/2014

Das Phantom und der Kunstschatz

Am 3. November 2013 machte "Focus" den Fall öffentlich - Cornelius Gurlitt starb ein halbes Jahr danach.

Der Fall hatte alle Zutaten für eine Sensation: Eine millionenschwere Kunstsammlung mit verschollenen Werken und Nazi-Vergangenheit sowie ein geheimnisvoller Protagonist, der als "Phantom" bekannt wurde. Vor einem Jahr, am 3. November 2013, machte der "Focus" den Fall Gurlitt öffentlich, und noch heute hält er die Kunstwelt in Atem.

Cornelius Gurlitt, der Sohn von Adolf Hitlers Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, starb ein halbes Jahr später am 6. Mai 2014. Seine geliebte Kunstsammlung hatte er nicht noch einmal gesehen. "Er hat das nicht mehr forciert", erinnert sich Gurlitts Betreuer, der Münchner Anwalt Christoph Edel, im Interview der Nachrichtenagentur dpa. "Er war überfordert und unsicher, verletzlich, schutzbedürftig."

Ende 2013 war Edel als Betreuer für den alten Mann eingesetzt worden, der zu dem Zeitpunkt schon wochenlang im Fokus der Öffentlichkeit gestanden hatte. Anwalt Edel war es auch, der die Trauerrede hielt, als der 81-jährige Rolf Nikolaus Cornelius Gurlitt, wie er mit vollem Namen hieß, im Grab seiner Eltern in Düsseldorf beigesetzt wurde. Kontakt zu Familienmitglieder und Freunden habe Gurlitt kaum gehabt, sagt er. Der "Spiegel" widmete Gurlitt im vergangenen Jahr die Titelgeschichte "Das Phantom". Ein viel zitierter Satz aus dem Interview mit dem Kunstsammler: "Mehr als meine Bilder habe ich nichts geliebt in meinem Leben."

Dimension

Auch wenn die Milliarde, mit der der Wert der Sammlung zunächst beziffert wurde, nicht haltbar war - die Dimension des Kunstschatzes, den Gurlitt in seiner Schwabinger Wohnung und seinem Salzburger Haus hortete, ist riesig. Im Februar 2012 beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft Augsburg die ersten 1.280 Kunstwerke wegen des Verdachts auf ein Steuer- und Vermögensdelikt in Gurlitts Münchner Wohnung. Doch das war nur die Spitze des Eisbergs.

Anfang 2014 wurde bekannt, dass sich weitere 238 Werke und möglicherweise der weitaus wertvollere Teil der Sammlung in Gurlitts Haus in Salzburg befanden. Darunter waren Arbeiten von Picasso und Monet. Und selbst das war noch nicht alles: Erst im September tauchte unter ominösen Umständen ein weiterer Monet auf, den Gurlitt im Krankenhaus in einem Koffer bei sich getragen haben soll.

Bilder aus dem Salzburger Fund

HAUS VON KUNSTSAMMLER GURLITT IN SALZBURG

Das Haus des Deutschen Cornelius Gurlitt in der Ca…

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Hunderte Werke aus Gurlitts Sammlung stehen nach Auffassung der Taskforce "Schwabinger Kunstfund", die sich des Falls angenommen und die Münchner Bilder in die Lostart-Datenbank eingestellt hat, im Verdacht, Nazi-Raubkunst zu sein. Gurlitts ehemaliger Betreuer spricht von acht Bildern mit möglicherweise dunkler Vergangenheit. Der Fall brachte das sträflich vernachlässigte Thema der Nazi-Raubkunst auf die politische Agenda.

In zwei Fällen - bei Henri Matisse' "Sitzender Frau" und Max Liebermanns "Reitern am Strand" - habe man vor Gurlitts Tod kurz vor der Einigung mit den Erben gestanden. Weil das Kunstmuseum Bern, das Gurlitt als Alleinerben einsetzte, aber immer noch nicht entschieden hat, ob es das Erbe antreten will, herrscht seit Monaten Stillstand.

"Die Restitutionen standen kurz bevor. Dass sich das verzögert hat, finde ich schon ein bisschen schade", sagt Edel. Am 26. November will das Museum endgültig entscheiden. Sollte es die Erbschaft ausschlagen, wäre das eine große Überraschung, wie zu vernehmen ist - und für die Anspruchsteller, die auf die Rückgabe ihrer Bilder warten, würde es eine weitere Verzögerung bedeuten. "Die Gespräche verlaufen konstruktiv, sind aber noch nicht abgeschlossen", ließ das Museum verlauten.

Last

Der Kunstschatz sei Gurlitt zuletzt immer mehr zur Last geworden, sagt Edel heute. In seiner Trauerrede hatte er gesagt: "Cornelius Gurlitt konnte in der Gewissheit, mit seiner freiwilligen Zustimmung zur Aufklärung und Restitution ein beispielloses Zeichen gesetzt zu haben, von seinen Bildern loslassen".

Zu dem Vertrag mit Bundesregierung und Freistaat über die Erforschung der Herkunft seiner Bilder und im Fall der Fälle auch über eine Rückgabe an die rechtmäßigen Besitzer habe er ihm geraten, sagt Edel heute - auch mit Rücksicht auf den Namen Gurlitt und dessen Rehabilitierung. "Es entsprach inhaltlich im Kern dem, was er immer wollte." Kurz nachdem er seine Unterschrift unter den Vertrag gesetzt hatte, war Gurlitt tot.

Warum er das Schweizer Kunsthaus für seine Rechtsnachfolge auserkoren hat, darüber kann auch der Anwalt nur mutmaßen. "Gurlitt war gegenüber allem Deutschen skeptisch", sagt er. Und: "Er war nie ein Nazi."

Die Chronologie

Die wichtigsten Stationen im "Fall Gurlitt", der die Kunstwelt in Atem hielt - auch weit über den Tod des Kunsthändlersohnes Cornelius Gurlitt hinaus.

- 22. September 2010: Cornelius Gurlitt wird auf einer Zugfahrt von Zürich nach München kontrolliert. Zollfahnder schöpfen Verdacht, es könne ein Steuerdelikt vorliegen.

- 23. September 2011: Das Amtsgericht Augsburg bewilligt einen Durchsuchungs- und Beschlagnahmebeschluss für Gurlitts Münchner Wohnung.

- 28. Februar 2012: Gurlitts Wohnung in München-Schwabing wird durchsucht. Die Fahnder entdecken rund 1.280 wertvolle Kunstwerke. Der Fund wird geheim gehalten, eine Berliner Kunstexpertin mit der Erforschung der Herkunft beauftragt.

- 3. November 2013: Das Nachrichtenmagazin "Focus" bringt den Fall an die Öffentlichkeit und sorgt damit für eine Sensation.

- 11. November 2013: Die ersten 25 Werke werden auf der Plattform "lostart.de" veröffentlicht - nach und nach folgen alle weiteren unter Verdacht stehenden Werke. Eine Taskforce wird eingesetzt, sie soll die Herkunft der Bilder erforschen.

- 19. November 2013: Die Behörden teilen mit, dass Gurlitt Hunderte Bilder zurückbekommen soll, die ihm zweifelsfrei gehören. Den Angaben zufolge scheiterten mehrere Übergabeversuche.

- 23. Dezember 2013: Es wird bekannt, dass Gurlitt unter vorläufige Betreuung gestellt wird.

- 28. Januar 2014: Die Taskforce gibt bekannt, dass nach einer ersten Sichtung 458 Werke aus Gurlitts Sammlung unter Raubkunstverdacht stehen.

- 10. Februar 2014: Es wird bekannt, dass mehr als 60 weitere wertvolle Bilder in Gurlitts Haus in Salzburg gefunden wurden - darunter Werke von Picasso, Renoir und Monet. Später stellt sich heraus, dass es sich sogar um insgesamt 238 Werke handelt.

- 7. April: Gurlitts Anwälte unterzeichnen einen Vertrag mit der Bundesregierung, in dem der Kunsthändler sich bereit erklärt, Bilder, bei denen es sich um Nazi-Raubkunst handelt, freiwillig zurückzugeben.

- 9. April: Die Staatsanwaltschaft Augsburg gibt die beschlagnahmten Bilder nach mehr als zwei Jahren wieder frei.

- 6. Mai: Cornelius Gurlitt stirbt im Alter von 81 Jahren in seiner Wohnung in München, ohne seine Kunstsammlung noch einmal gesehen zu haben.

- 7. Mai: Laut Testament hat Gurlitt seine Sammlung dem Kunstmuseum Bern in der Schweiz vermacht.

- 19. Mai: Gurlitt wird in Düsseldorf im Grab seiner Eltern beigesetzt.

- 5. September: Im Nachlass von Gurlitt ist nach Angaben der Berliner Taskforce ein weiteres wertvolles Bild gefunden worden: Das Bild "Abendliche Landschaft" von Claude Monet.

- 8. Oktober: Das Kunstmuseum Bern gibt bekannt, dass der Stiftungsrat am 26. November endgültig über Annahme oder Ausschlagung des Gurlitt-Erbes entscheidet.

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