Kultur
08.12.2018

Ein großer kleiner Roman: Wie verlässt man eine alte Nervensäge?

"Schnee in Amsterdam": Der Nordire Bernard MacLaverty braucht nur pensioniertes ein Ehepaar, um Essenzielles anzusprechen.

Nur ein älteres  Ehepaar.
Pensionisten beide, er war Architekt, sie Lehrerin, der Sohn ist nach Kanada ausgewandert und verheiratet und hat selbst einen Sohn.
 Sie haben sich noch etwas zu sagen, sie diskutieren miteinander, sie scherzen ...
Er: „Letzte Nacht habe ich einen schrecklichen Krampf bekommen. Du hast fest geschlafen.“
Sie: „Schade, dass ich den verpasst habe.“

Zukunft

Nur ein älteres Ehepaar aus Glasgow, das sich ein verlängertes Wochenende in Amsterdam gönnt.
Das am Amstelkanaal essen geht und nach Besuch im Anne-Frank-Haus dringend eine Pause benötigt.
Stella und Gerry. Sie haben einander nicht satt. Könnte man glauben, wenn sie über ihre Vergangenheit reden, die in die 1950er zurückreicht.
Bis er sie fragt: „Wie siehst du die Zukunft?“ Bis sie antwortet: „Ohne dich.“

„Schnee in Amsterdam“ ist der erste Roman des Nordiren Bernard MacLaverty (Bild oben) seit 16 Jahren. Abstand  ist sein Thema. Nur ein älteres Ehepaar braucht er, um Essenzielles anzusprechen. Was passt Stella nicht an Gerry?
Er ist eine Nervensäge. Und er ist Alkoholiker geworden, der am Abend drei, vier Gläser Whisky haben muss (und untertags auch).
Immerhin vergisst Gerry auf ihre Lieblingsbonbons  selten; und hört er  laut Bach, verwendet er immer Kopfhörer ...
MacLaverty ändert, das geht so bruchlos, ständig die Sichtweise. Einmal ist man  ganz bei Stella, einmal Gerry – was anstrengender ist. Denn wenn er sich aufs Flughafenklo setzt, bekommt er  Panik, weil die Muschel um einige Millimeter niedriger ist als daheim.
Ist man ganz bei Stella, wird man etwas erfahren, das nicht einmal Gerry weiß.
Beide stammen  aus Nordirland. Probleme in ihrer Ehe haben auch mit den Problemen in der Welt zu tun.
Stella geriet in Belfast in eine Schießerei zwischen Katholiken und Protestanten. Mit Bauchschuss lag sie auf der Straße. Sie war schwanger.  Das Babys in ihrem Bauch dürfte sich, als die Kugel kam, geduckt haben. Es blieb unverletzt.

Ruhe

Deshalb meint sie, in Gottes Schuld zu stehen. Deshalb kniet sie heimlich vor dem Zubettgehen und betet.  Deshalb, und das hat sie nie jemandem anvertraut, hat sie sich geschworen, Gott etwas zurückzugeben.
Es kann ja nicht alles sein, Gerry zu verarzten, wenn er in der Badewanne ausgerutscht ist. Oder im Hotel an der Hand zu nehmen, wenn er das Zimmer nicht findet.
Sie: „Ich möchte dich verlassen, aber ich weiß nicht, wie ich es anstellen soll.“
MacLaverty verbreitet im Roman trotz der Spannungen eine Ruhe, die es ermöglicht, sich selbst mit Lebenswichtigem zu beschäftigen.
„Hättest du etwas dagegen, wenn ich – oder meine Asche – mit dir begraben würde?“
„Falls du immer noch trinkst, möchte ich dich nicht in meiner Nähe haben.“
„Wenn ich tot bin, werde ich dem Alkohol definitiv entsagt haben.“
In diesem Fall, so verspricht Stella, werde sie ein Stück rücken.

 

Bernard
MacLaverty:
„Schnee in Amsterdam
Übersetzt von
Hans-Christian Oeser.
Verlag C.H.Beck.
288 Seiten.
22,70 Euro.

KURIER-Wertung: **** ein halber Stern