© Sara Houghteling

Literatur
08/03/2019

Ein Erzähler, der es mit alten amerikanischen Filmen aufnimmt

"Der Wintersoldat" von Daniel Mason: Der Erste Weltkrieg und die Liebe - so brutal, so zärtlich.

von Peter Pisa

Schon einmal im Ersten Weltkrieg gewesen?
Eine Kirche in den Karpaten, die k. u. k. Armee führt sie unter der Bezeichnung „Regimentsspital“.
60 von den Russen verletzte Soldaten liegen auf dem Boden. Im südlichen Kreuzschiff sind die Sterbenden, operiert wird in der Vierung, denn dort ist das Licht am besten.

Amputieren

Medizinstudent Lucius  Krzelewski, Sohn aus reicher österreichisch-polnischer Familie, klopft an.
Er wollte unbedingt an die Front, um dort die Kunstfertigkeit seiner Hände unter Beweis stellen zu können.
In Wien, wo die Kinder Krieg SPIELEN, war seine bisher einzige medizinische Tat: Er reinigte einem Schwerhörigen die Ohren
Seinen Eltern wäre lieber gewesen, er würde für den Kaiser kämpfen. (Und wäre „gefallen“?) Ungehorsam sind die Kinder ...
Es ist der eisige Winter 1914. Lucius ist 22 Jahre alt. Eine Klrankenschwester in Nonnentracht öffnet die Tür.
„Wo ist der leitende Arzt?“ fragt er. „Das sind Sie“, sagt die Schwester.
Steifgefrorene Soldaten ohne Unterkiefer hat er noch nie gesehen.
Schwester Margarete wird ihm beibringen, wie man Arme und Beine amputiert und  Schädeldecken öffnet.
PAUSE.


„Der Wintersoldat“  läuft wie ein alter Film ab. Ein brutaler, zärtlicher Film.
Man sieht den Schauspieler William Holden. Nein, der war immer zu alt für die Rolle. Aber Jennifer Jones als Krankenschwester wäre sehr schön.
Dazu, etwa in der Mitte des Buchs, erklingt das Filmlied „Love is a Many Splendored Thing“, interpretiert von den Four Aces.
Der Kalifornier Daniel Mason - Foto oben - ist ein blendender  Erzähler: Er  vergisst nicht auf die Kastanienbäume im Bombenkrater und nicht aufs Klappern der Löffel auf den Blechtellern der Armee.
Auch Lippen, die nach Johannisbeeren schmecken, lässt er sich nicht entgehen,
Mit vielen Details sorgt er dafür, dass man immer dort ist, wo er uns haben will. In Wien und an der Ostfront. Im Krieg und bei der Liebe. Und bei Lucius, wenn er Margarete sucht – 1918/1919, wenn der halbe Kontinent Ausschau nach der anderen Hälfte hält.
Autor Mason ist Psychiater. Er weiß, wie Menschen ticken. Offensichtlich weiß er auch, welche Bücher sie wollen, wenn sie’s gern geradlinig haben und sich nicht an Ecken und Kanten anhauen wollen.
Das Ende verstört, das ist besonders gut. Und die Wolken ziehen weiter, wie eine weiße Armee.

 

Daniel Mason: „Der
Wintersoldat“
Übersetzt von
Sky Nonhoff und Judith Schwaab.
Verlag C.H.Beck.
430 Seiten.
24,70 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern