Kultur
06.04.2017

"Ein deutsches Leben": Grenzbereich zwischen Verdrängung und Lüge

Interview-Porträt von Brunhilde Pomsel, Sekretärin von Joseph Goebbels.

De mortuis nil nisi bene. Über Tote nichts außer Gutes.

Dieses lateinische Sprichwort kommt einem angesichts dieses Films in den Sinn – und zwar im doppelten Sinne. Zum einen, weil die mehr als zwiespältige „Heldin“ des Films, Brunhilde Pomsel, im Jänner dieses Jahres im Alter von 106 gestorben ist – und zum anderen, weil auch der Mann über den sie erzählt, schon tot ist: Brunhilde Pomsel war die frühere Sekretärin des NS-Propagandaministers Joseph Goebbels. Gerade noch rechtzeitig vor ihrem Tod holten sie österreichische Dokumentarfilmer vor die Kamera. Im Film, der daraus entstand, geht

es um (ihre)Schuld oder Nicht-Schuld, ihr Wissen oder Nicht-Wissen. Bis dahin hatte Pomsel zu ihrer Rolle in Goebbels Vorzimmer beharrlich geschwiegen.

In „Ein deutsches Leben“ redet die zerbrechlich wirkende Dame, in deren Gesicht das Leben tiefe Spuren hinterlassen hat, unter anderem über ihre Zeit mit Goebbels, über den sie – dem obigen Zitat entsprechend – auch Jahrzehnte nach dessen Tod nichts Böses sagen will. Sie wirkt wie eine Frau mit immer noch klarem Verstand und präzisem Gedächtnis. Trotzdem geht es im Film nicht um neue historische Erkenntnisse, sondern um die erschreckend aktuelle Frage nach der Verantwortung des Einzelnen am politischen Zeitgeschehen.

Kaum zu glauben, dass sie im Vorzimmer der Macht so wenig von den Verbrechen des Regimes mitbekommen haben will. Zwei Stunden lang changiert die einstige Sekretärin des NS-Propagandaministers im trüben Grenzbereich zwischen Verdrängung, Lüge und angeblichem(?) politischen Desinteresse. Im Luftschutzbunker unterm Propagandaministerium hatte sie noch Goebbels Anweisungen in ihre Schreibmaschine getippt, nachdem sich dieser bereits selbst das Leben genommen hatte.

Schließlich sei sie dazu erzogen worden, nicht zu viele Fragen zu stellen und stattdessen verlässlich ihre Arbeit zu tun. „Preußisches Pflichtbewusstsein und ein bisschen auch dieses Sich-Unterordnen“, lautete ihre Devise. „Gehorchen und ein bisschen schwindeln dabei, oder lügen und die Schuld auf jemand anders schieben“, diese Haltung sei ihr als Berliner Kind mitgegeben worden. Über Goebbels aufpeitschende Rede „Wollt ihr den totalen Krieg?“ meint sie in diesem Film lapidar: „Es war ein Naturereignis, die ganze Menge konnte nichts dafür und er selber wahrscheinlich auch nicht.“

Wie konnte sie im Propagandaministerium der Nazis arbeiten und angeblich nichts mitbekommen von dem grausamen Terror, den Adolf Hitler, Heinrich Himmler und ihr Regime verbreiteten? Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war Pomsel fünf Jahre in sowjetischer Gefangenschaft, was sie als höchst ungerecht empfand. Danach fing sie beim Südwestfunk an und arbeitete später als Chefsekretärin bei der ARD. Je länger man ihr zuhört, desto fassungsloser wird man. Und es regen sich beim Anschauen dieses Films auch diverse Selbstzweifel: Tragen wir vielleicht alle dieses Untertanen-Gen in uns? Jedenfalls sollte es nie zu spät sein, dagegen anzukämpfen.

Text: Gabriele Flossmann.INFO: Ö 2016. 114 Min. Von Florian Weigensamer, Olaf S. Müller, u.a. Mit Brunhilde Pomsel.

KURIER-Wertung: