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Kultur
11/10/2021

EAV-Chef Spitzer: „In Kenia pulverisieren sich unsere Probleme“

Der Musiker spricht über das Weihnachtsalbum "Ihr Sünderlein kommet ...", sein Leben in Afrika und den wunden Punkt in seiner Karriere

„Sogar in Afrika, wo es keine Tannen und Fichten gibt, schaue ich immer, dass ich einen ähnlichen Baum auftreibe und zu Weihnachten alles so herrichte, wie es bei mir zu Hause war.“

Thomas Spitzer, Gitarrist, Texter und Komponist der EAV, will damit sagen, dass er kein Weihnachtsmuffel ist. Er mag diese Zeit, zu der seine 42-jährige Tochter immer zu ihm nach Kenia reist, wo er schon seit 30 Jahren am traumhaften Diani Beach lebt und sein Tonstudio betreibt.

Dem eben erschienenen EAV-Weihnachtsalbum „Ihr Sünderlein kommet ...“ hört man freilich keine derartigen Sentimentalitäten an. Aufgenommen mit Freunden wie Gert Steinbäcker, Ostbahn Kurti, Paul Pizzera, Turbobier und Christopher Seiler, nimmt sich Spitzer dabei gewohnt spitzzüngig Themen wie den Familienalltag am Heiligen Abend, den Missbrauch in der Kirche und den 24-stündigen Weihnachtsfrieden vor.

„Ich finde das absolut makaber“, sagt er. „24 Stunden, wo man sich nicht erschießt und am nächsten Morgen geht es munter weiter? Nächstenliebe das ganze Jahr lang wäre mir lieber als konzentriert auf den 24. Dezember. Ich bin nicht gegen das Weihnachtsfest, aber solche Dinge stören mich.“

Schon seit 42 Jahren. 1979 war die EAV auf Weihnachtstour und schon damals entstand das Grundgerüst für diese Songs. 2011 hatte es Bestrebungen gegeben, das Album rauszubringen, aber da war Sänger Klaus Eberhartinger nicht daran interessiert, der hier auch nur einen Song singt.

„Eigentlich muss ich mich dafür bei ihm bedanken“, sagt Spitzer. „Denn dadurch habe ich jetzt mit so vielen interessanten jungen Musikern zusammenarbeiten können.“

Er schwärmt vom Talent der Band Horst, vom „hochintelligenten, liebenswerten“ Marco Pogo, vom hilfsbereiten Christopher Seiler, lobt die unkomplizierte Zusammenarbeit und Begeisterungsfähigkeit aller Beteiligten.

„Die erinnert mich an uns damals in den 80er-Jahren: Keiner fragt: ,Wie viel Geld gibt es?‘ Da heißt es nur: ,Gefällt mir, mache ich!‘ Die junge Austro-Szene hat aber eine Kollegialität, die wir nicht hatten. Bei uns damals gab es immer Konkurrenz – nicht innerhalb der Grazer Szene, aber sicher mit den Wiener Musikern.“

Ein anderes Thema, das Spitzer bei „Ihr Sünderlein kommet ...“ aufgreift, ist der Konsumwahn. Wie der Ungleichheit produziert, sieht er auch an seinem Leben in Kenia.

„Es stimmt, was Karlheinz Böhm immer gesagt hat, dass wir diesen Kontinent 450 Jahre lang ausgebeutet haben. Wir Weißen sind dort deshalb die Muzungus, was ein abwertender Ausdruck ist. Ich habe das nicht so arg gespürt, weil ich angesichts der Lebensumstände dort schnell bescheiden geworden bin. Aber es gibt halt immer noch Weiße, die sich aufführen wie Kolonialherren.“

Jedem, der sich über etwas hier in Mitteleuropa aufregt, sagt Spitzer, wünsche er drei Wochen in einem Land der Dritten Welt. „Da pulverisieren sich unsere Probleme. Ich weiß von Familienvätern, die gestorben sind, weil sie sich die 20 Euro für die Malaria-Medikation nicht leisten konnten. Krankenversicherung gibt es nicht. Aber das kennt man ja auch ansatzweise von den USA.“

Spitzer erinnert sich in dem Zusammenhang auch daran, wie seine Tochter mit 12 Jahren das erste Mal in Kenia war: „Sie sagte: ,Oh je! In zwei Wochen muss ich wieder in die Schule gehen!‘ Und meine Angestellten sagten: ,Du darfst in die Schule gehen.‘ Denn das Schulgeld für die Unterstufe von einem Kind kostet dort das, was ein normaler Durchschnittsverdiener in einem Jahr bekommt. Aber das hat auch System. Denn die Schicht der superreichen und privilegierten Politiker, also dieses halbe Prozent der Bevölkerung, will keine gebildete Jugend. Denn die würde nicht akzeptieren, dass die Unterstützung der Amerikaner nicht zum Volk, sondern in die Taschen der Reichen geht.“

Neben allen politischen Botschaften ist Spitzer auch wichtig, festzustellen, dass „Ihr Sünderlein kommet ...“ kein Comeback der EAV bedeutet, die kurz vor der Pandemie ihre Abschiedstour gespielt hatte.

„Die lief so gut, dass alle gesagt haben, warum hört ihr jetzt auf? Aber das war genau richtig so. Wir waren am Anfang der Karriere die Liebkinder der Kulturseiten von Zeitungen wie der FAZ und der Süddeutschen, weil wir sehr politisch und kritisch waren. Doch dann hatten wir diese lustigen Hits und waren nur mehr als Blödelband angesehen. Das hat mich immer geschmerzt.“

Einmal in der Hochblüte der Karriere war das besonders schlimm. Da war die EAV bei drei Schlager-Shows hintereinander im TV zu Gast.

„Das lief über die Plattenfirma, die viele Schlagerstars unter Vertrag hatte. Aber ich bin weinend am Boden gesessen und habe gesagt, ich will nicht mehr leben, weil alle gedacht haben, wir gehören zu dieser Szene dazu. Den Klaus hat das als politischen Menschen auch immer gewurmt. Aber die anderen sagten, Hauptsache, wir sind im Fernsehen. Mir war das nie wichtig. Deshalb waren unsere letzten drei Alben wieder sehr politisch. Da kamen dann auch wieder die Qualitätszeitungen und wollten uns interviewen. Und da hab ich gesagt, jetzt müssen wir aufhören – in Würde und mit Stil!“

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