Dirk Stermann: Ein sinkender Entertainer nimmt den Zug nach Nirgendwo

Dirk Stermann und sein zweites Kabarett-Solo „20 Spritzer bis Amstetten“ im Wiener Rabenhof.
Ein Mann mit grauem Haar spricht in ein Mikrofon und zeigt auf eine Bühne, über ihm hängt eine leuchtende Discokugel.

Chris Lohner ist der heimliche Star des Abends (auch im Premierenpublikum). Besser gesagt: Ihre ÖBB-Ansagestimme. Zu Beginn entschuldigt sich diese beim Rabenhof-Publikum für eine 20-30-minütige Verspätung des Künstlers. Wobei Dirk Stermann freilich schon Sekunden später auf der Bühne steht, denn es bieten sich ja an dieser Stelle Witze über die Deutsche Bahn an. Zum Beispiel jener, dass man am ehesten an Hunger stirbt, wenn man sich in Deutschland auf ein Gleis legt, 

Klar ist jetzt aber auch: Die titelgebenden „20 Spritzer bis Amstetten“ müssen während einer Zugfahrt konsumiert worden sein. Stermann erzählt von einem Musiker, der dieses irrwitzige Pensum einmal erfüllt haben soll. Vor dem Aussteigen habe dieser noch einen Pfiff Bier genommen, denn: „Bier auf Wein – das rat’ ich dir.“

Das bewusste Verdrehen, das verblüffende Assoziieren war stets das Geschäft der deutschen Hälfte von Stermann und Grissemann. Das Duo proklamierte schon 1999 in einem Programm „Das Ende zweier Entertainer“. Lange vor ihrem Aufstieg zu Late-Night-Talk-Legenden im ORF.

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Bart steht im Scheinwerferlicht und hält ein Glas in der Hand.

Wegen der Agentur

In seinem zweiten Kabarett-Solo ist Stermanns Bühnen-Ich zwar nicht am Ende, wirkt aber müde. Er mache das alles ja nur wegen der Agentur. Die Lethargie hält den Entertainer nicht davon ab, in einem mitunter monotonen Stakkato Pointe um Pointe zu setzen, Vieles kommt einem bekannt vor: Etwa der Spruch: „Lauchsuppe ohne L? Ist auch Suppe.“

Hier ist es das Zitat einer Deutschen, die ihren Skinheadfreund verteidigt, weil dieser ein „Deutschand“-Tattoo (ohne L) auf dem Bauch hat. Dass Kickl zwar „Euer Wille geschehe“ plakatierte, aber auf „Dein Reich komme“ vergessen habe, hat man schon bei Thomas Maurer gehört. Stermann bedient sich ungeniert – am meisten bei sich selbst und Grissemann. Daher liest er auch aus ihren „erotischen Fischgedichten“, hier vermeintlich beim berühmten Reclam-Verlag erschienen.

Singen für Frau Landeshauptmann

Anstatt einer stückhaften Anordnung wie beim ersten Solo „Zusammenbraut“ erlebt man hier eine wilde Mischung aus Stand-up-Passagen. Und doch ergeben sich Verbindungen. Singen, das möchte er wirklich, am liebsten für Frau Landeshauptmann. Die Agentur habe dies nicht glauben können und „Stermann sinkt“ plakatiert, erzählt er. Ja, die Agentur. Im Büro werde ein nicht ausgetrunkenes Glas Milch von Oskar Werner aufbewahrt. Stermann stellt dar, wie sich Philipp Hochmair dem verdorbenen Irgendwas nähert, den „Erlkönig“ rezitiert und sich unwillkürlich das Hemd aufknöpft. „So ein Aufwand für einen kleinen Sketch“, sinniert Stermann und fängt den peinlich scheinenden Moment noch irgendwie ein.

So ein Aufwand für viel Bekanntes, möchte man über den Abend sagen. Aber es geht sich (meistens) mit quietschenden Reifen aus. Vor allem, wenn Stermann am Ende standesgemäß den legendären Italo-Hit „Torneró“ singt. Übersetzt: „Ich sehe noch den Zug vor mir, wie er sich entfernt ...“ 

KURIER-Wertung: *** von *****

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