Die wirren Aktionen des "Pornojägers"

Martin Humer ist tot. Jahrzehntelang kämpfte er als selbsternannter "Pornojäger" gegen Unmoral, Liberalität aber auch gegen die Freiheit der Kunst.

Immer wieder beschäftigte er die Gerichte, die Medien sowieso. Die Titulierung "Pornojäger" klang bei Martin Humer wie eine Art Berufsbezeichnung. Jahrzehntelang führte er einen katholischen Kampf gegen Unmoral und gegen alles, was er als anstößig empfand. Und das war für ihn vieles ... 

Zum Durchklicken. Der aus aus Waizenkirchen stammende Oberösterreicher war gelernter Fotogaf ist vor allem durch seinen unermüdlichen Kampf gegen alles Pornographische bekannt geworden. Er tauchte überall auf, wo er gerade einen Verstoß gegen die von ihm unterstützte Wertordnung ortete. So regte sich der Katholik auch über das Kirchenvolksbegehren auf. Hier ist er bei einer Versammlung der Verfechter des Volksbegehrens zu sehen. Die Positionen österreichischer bildender Künstler von Nitsch bis Mühl waren ihm ebenfalls ein Dorn im Auge. 1998 sorgte Humer mit einer vandalistischen Aktion für Aufsehen. ... Bei der Jubiläumsausstellung der Wiener Secession 1998 stürmte er auf das Otto-Mühl-Gemälde "Keinen Keks heute" zu und beschmierte es mit rotem Lack aus einem Farbbeutel. Das Nitsch-Rot habe er bewusst verwendet, so Humer im Nachhinein. "Zerstören" wollte er vor allem jenen Teil der Comic-Bildtafeln, bei denen u.a. Mutter Theresa und Bischof Krenn beim Gruppensex erkennbar waren. Mit "Stolz" bekannte sich Humer zu seiner Bildverschüttungstat, auf einer "Pressekonferenz" zu der er vor dem "Tatort" Wiener Secession geladen hatte. "Ich bin froh, daß es mir gelungen ist, das Bild zu zerstören", verkündete Humer vor dem Tor der Wiener Secession unter beifälligen Bravo-Rufen eines wackeren Häufleins flugzettelverteilender Getreuer und ... ... das alles unter dem Eingangsmotto der Künstlervereinigung "Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit". 
Freiheit billigte Humer der Kunst nicht zu. Und Anzeigen nahm er bewusst in Kauf. Beim Vandalenakt in der Secession habe er sich nicht hinauskomplimentieren lassen, sondern sei "geblieben und habe selbst die Polizei gefordert". Nicht nur einmal war Humer im Gerichtssaal zu Gast. In der Causa Mühl wurde der selbsternannte "Pornojäger" wegen Sachbeschädigung zu zwei Monaten bedingt verurteilt. Der Richter ging im Urteil von einem Schaden von mindestens 25.000 Schilling aus. Aus formalen Gründen wurde das Urteil dann aber wieder aufgehoben. In letzter Instanz wurde der Moralapostel schließlich freigesprochen. Humer habe das neunteilige Bild zwar "zugenitscht", damit aber keine Sachbeschädigung begangen. Der erkennende Senat sei zum Schluss gekommen, dass Mühl immer wieder zu erkennen gegeben habe, eine Auseinandersetzung mit seiner Kunst zu schätzen, hieß es weiter. Dies habe sich im gegenständlichen Fall in der "Schüttaktion" manifestiert. Nach der Attacke hätte sich Mühl auch ausdrücklich gegen das Entfernen der roten Farbe ausgesprochen. Offenbar sah sich Humer zu weiteren Aktionen ermächtigt. 2005 beschmierte er gemeinsam mit einem damals 66-jährigen Oberösterreicher auf dem Ursulinenplatz in Salzburg eine umstrittene Mozart-Statue des deutschen Künstlers Markus Lüpertz mit roter sowie grüner Ölfarbe. Schließlich "federten" sie die Skulptur mit weißen Daunenfedern. "Mozart - eine Hommage" wurde von der Salzburg Foundation finanziert. Die Aufstellung soll insgesamt 500.000 Euro gekostet haben. Als Motiv führten die beiden Männer an, dass die Statue, die vor einer Kirche aufgestellt war viele Salzburger geärgert habe und niemand gegen das Werk eines "deutschen Psychopathen", das eine reine Provokation darstelle, etwas unternommen habe. Diese Herausforderung habe er angenommen und durch seine Handlung beantwortet, so Humer laut Polizei.

Bild: Markus Lüpertz bei der Arbeit an der Skulptur Die Statue sei "auch eine Art der Pornografie", begründete Humer seine Aktion gegenüber Journalisten. "Denn am Ende Mozart so darzustellen ist eine Abscheulichkeit. Das kann nur ein Psychopath machen. Solche Psychopathen sind auch in anderen Bereichen zu finden." Mit der "Freiheit der Kunst, Menschen herabzusetzen", könne er "überhaupt nichts anfangen", ergänzte Humer, "Was Mozart herabwürdigt, hat nichts mit Kunst zu tun." Das Paradoxe an Humers Wirken war, dass gerade der engagierteste Kämpfer gegen Pornografie sich jahrzehntelang mit dem Sichten und Archivieren von pornografischem Material beschäftigte. Auslöser für sein Wirken gegen die Pornografie soll gewesen sein, dass er bei einem Familienausflug in Linz bei einem Kiosk ein Sexheft entdeckte und er den Eindruck hatte, dass die Behörden seiner Anzeige nicht ernsthaft genug nachgingen. Immer wieder verfasste er Anzeigen, bekämpfte Prostitution, Schwangerschaftsabbruch, schulische Sexualerziehung und die Straffreistellung von Homosexualität. Er gründete die "Bürgerinitiative zum Schutz des Lebens und der Menschenwürde" und war Obmann der Partei "Christlich Soziale Arbeitsgemeinschaft". Hier demonstierte er gegen den Life Ball 2010, wegen "Zweckentfremdung des Burgtheaters". Ein sehr gegensätzliches Paar bilden auf diesem Foto Humer und der Ex-Talkmaster und Aktionskünstler Hermes Phettberg, aufgenommen 1996 bei der ersten "Regenbogenparade" von Schwulen, Lesben und Transgender-Personen. Dass Humer hier nicht fehlen durfte und das Treiben mit der Kamera dokumentierte, passt ins Bild. Zuletzt führte die Staatsanwaltschaft Wels gegen ihn Ermittlungen wegen Wiederbetätigung. Er soll dem vorsitzenden Richter im Honsik-Prozess einen Brief geschickt haben - mit folgendem Wortlaut: "Honsik bestreitet, dass es in Dachau und in Mauthausen Gaskammern gegeben hätte. Honsik hat recht." Betrachte man seine Ausführungen in ihrer Gesamtheit, sei kein Vorsatz nachweisbar, erklärte schließlich die Staatsanwaltschaft und stellte die Ermittlungen ein.

Bild: Humer unterhält sich in einem Gerichtssaal mit dem ehemaligen FPÖ-Bezirksrat Wolfgang F., wo sich dieser wegen Wiederbetätigung vor einem Schwurgericht verantworten musste. Humer zählte auch zu den Unterstützern von Kurt Krenn, des umstrittenen Diözesanbischofs von St. Pölten, der im Herbst 2004 im Zusammenhang mit der Affäre um Kinderpornos und Homosexualität im Priesterseminar zurückgetreten ist. Humer war als Kämpfer gegen Liberalität auch Gast in Diskussionssendungen. Ruhe gab er bis zu seinem Tod nicht. Vor wenigen Wochen erlitt er einen vierten Herzinfarkt. Nun ist er 85-jährig verstorben.

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(KURIER.at,apa / tem) Erstellt am
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