Kultur
23.03.2018

Die „Traumrakete“ startet zur Wahrheitsfindung

Jemand erforscht seine Albträume. Das zahlt sich aus. Der neue Roman von Ruth Cerha zahlt sich überhaupt aus.

Er träumt, er ertrinkt.

Na gut, dass passiert fast jedem einmal.

Aber Dave träumt auch, eine Frau wurde umgebracht, und sein Vater, die Tante und der älteste Sohn vergraben die Leiche mit bloßen Händen, und er steht daneben – hat denn ER sie getötet?

Die Frau im hellen Trenchcoat begegnet ihm mehrmals in der Nacht, in Panik läuft sie davon, einmal dreht sie sich um: Ein schönes Gesicht. Alt und jung. Weiblich und männlich.

Depressiv

Vielleicht ist Ruth Cerhas Familiengeschichte „Traumrakete“ Anlass, sich mit den eigenen Träumen zu beschäftigen, um zu erfahren, ob’s einem gut geht.

Vielleicht will man sogar versuchen, bewusst in die eigenen Träume einzugreifen (= luzide Träume). Das kann man lernen. Dann könnt’ man die Lateinlehrerin, die einen seit 40 Jahren mit nicht bestandenen Nachprüfungen verfolgt, endlich fragen, ob’s ihr gut geht damit.

Jedenfalls sitzt, sehr praktisch (auch für unsereins), ein Psychotherapeut im Roman und schaltet sich ein, falls man auf einen falschen Weg einbiegt.

Die Wienerin Ruth Cerha, Tochter des Komponisten Friedrich Cerha, beobachtet einen Träumer:

Dave, den „kleinen“ Musiklehrer, der neben seiner Frau (= Chirurgin. wichtig!) und zwei pubertierenden Kindern in Depressionen verfällt. Sprich: Es fehlt ihm „die Selbstverständlichkeit, in dieser Welt zu Hause zu sein.“

Das sind Ruth Cerhas Worte. Sie bereitet viele solcher Essenzen zu.

„Nur“ seinen jüngsten Sohn versteht Papa Dave. Zu zweit träumen sie sich auf einen Planeten, auf den ein Roboter Hilfe braucht ...

Es zahlt sich aus, nach der Wahrheit zu suchen. Aufzuräumen. Im Kopf zu sortieren, damit Klarheit die Albträume verschwinden lässt.

Dave muss von Wien nach New York, wo noch ein Verwandter lebt. Der weiß, wer die Frau im hellen Trenchcoat ist (war) ...

Es wird wohl gar nichts damit zu tun haben, dass Ruth Cerha den Roman, ihren besten bisher, großteils in New York geschrieben hat.

Aber: „ Traumrakete“ hat so gar nichts Kleines, Österreichisches – das Buch ist groß, breit, es ist hoch und tief. Und echt.

Echt schön.

Schön traurig.

Einer wie Jonathan Franzen ist mit seinen oft so lebendigen Charakterzeichnungen nicht überzeugender.

Ist erst alles Unangenehme aufgeschrieben, hat die Wirklichkeit etwas von ihrem Schrecken verloren.

Diese „Traumrakete“ ist befreiend.

 


Ruth
Cerha:

Traumrakete
Frankfurter
Verlags-Anstalt
384 Seiten.
24,70 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern