Kultur
07.12.2011

Die Strudlhofstiege - Von Heimito von Doderer

Neben der Atmosphäre einer bürgerlichen Welt im Wien der 20er-Jahre macht vor allem die psychologische Zeichnung der Charaktere die Genialität dieses Romans aus.

Was für ein Kosmos! "Die Strudlhofstiege" breitet eine unvergleichliche Welt vor uns aus, der Roman begeistert Zeile für Zeile. Was Proust für Frankreich, das ist Doderer für Wien: Kein anderes Stück Belletristik malte bis heute ein ähnlich farbenprächtiges Bild Österreichs und seiner Hauptstadt. Heimito von Doderer macht es seinen Leserinnen und Lesern nicht leicht. Er erzählt seine Geschichte weit ausholend, und bedient sich dabei lang währender Rückblenden, deren Zusammenhang sich sehr spät erschließt. Ohne den Untertitel "Melzer und die Tiefe der Jahre" wüsste man nach den ersten hundert Seiten nicht recht, wer hier die Hauptfigur ist. Aber der Plot macht ohnehin nicht die Genialität des Romans aus.

Es ist neben der Atmosphäre einer bürgerlichen Welt im Wien der 20er-Jahre vor allem die psychologische Zeichnung der Charaktere: Gedanken, denen der Autor lauscht, Gefühle, denen nachgespürt wird: Selten wurden Romanfiguren derart lebendig und wahrhaftig. Und dann die Sprache! Auch hier greift der Vergleich zu Proust nicht zu kurz: Da wird ein Café-Tisch als "umgähnt von den gepolsterten Samtbänken" beschrieben oder die Liebe als "Primzahl des Lebens, keiner Analyse bedürftig". Die Sätze sind oft lang, aber von großer Schönheit, die Metaphern voll Witz und Originalität.

"Die Strudlhofstiege" spielt, abgesehen von einigen Rückblenden, zwischen 1923 und 1925. Und Doderers Protagonisten bewegen sich vor allem rund um die namensgebende Stiege im 9. Bezirk. Neben jenem Amtsrat Melzer etwa der junge Historiker René von Stangeler, dessen spätere Braut Grete Siebenschein oder seine Schwester, Etelka von Stangeler. Ein Teil der Gesellschaft wird porträtiert, kritisiert und - mitunter liebevoll - beschrieben. Doderer entwirft ein Bild vor allem des Bildungsbürgertums während und nach der Monarchie. Als den Roman vorantreibende Kraft dient - wie könnte es anders sein - die Liebe: Wer beginnt mit wem ein Techtelmechtel, welche Ehe wird geschlossen oder geschieden? Auch Melzer selbst, dessen Vorname beharrlich verschwiegen wird, muss sich in dieser Frage erst verirren, dann bewähren und schließlich entscheiden.

Doderer wurde 1896 in Hadersdorf-Weidlingau geboren, ein Architektensohn aus adeligem Haus. 1915 trat er als Freiwilliger bei den Dragonern ein und geriet 1916 in russische Kriegsgefangenschaft. Vier Jahre überlebte Doderer in den Lagern Sibiriens - und dort fasste er den Entschluss, Schriftsteller zu werden. 1920 endlich wieder in Wien, studierte er Psychologie und Geschichte, veröffentlichte in Feuilletons und erste, noch erfolglose Romane. 1933 trat Doderer in die NSDAP ein. 1940 konvertierte er zum Katholizismus - und schien sich damit vom Nationalsozialismus zu distanzieren. Im selben Jahr wurde Doderer erneut zur Wehrmacht eingezogen, und nach einigen Stationen in Europa schließlich nach Oslo verlegt, wo er 1945 wieder in Kriegsgefangenschaft geriet. Im Jänner 1946 entlassen, lebte Doderer bis Mai 1946 im Haus seines Onkels am Attersee. Dort entstand ein beträchtlicher Teil seiner "Strudlhofstiege". Es dauerte Jahre, den etwa 900 Seiten umfassenden Text zu beenden, zu bearbeiten und zu veröffentlichen. Als es 1951 soweit war, zählte der Autor 55 Jahre - und wurde rasch berühmt.
Franz Carl Heimito Ritter von Doderer hat mit seiner "Strudlhofstiege" ein epochales Buch geschrieben, wie es nur wenige gibt. Eines, das sowohl Wien, als auch der nach dem Bildhauer und Maler Peter Strudel benannten Stiegenanlage ein großartiges Denkmal setzt.