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Buch
02/20/2021

Autorin Margit Schreiner: "Kindheit ist eine schiefe Sache"

Margit Schreiner im Interview über ihren Coming-of-Age-Roman „Vater. Mutter. Kind. Kriegserklärungen“

von Georg Leyrer

Nachkriegsösterreich, Linz, ein Kinderleben in all seiner Komplexität und Rauheit von innen: Margit Schreiner über ihr neues Buch „Vater. Mutter. Kind. Kriegserklärungen“.

KURIER: Die Innensicht einer Sechs-, Siebenjährigen: Woher rührte das Interesse an diesem Blickwinkel?

Margit Schreiner: Im Untertitel heißt es: Über das Private. Das beginnt beim Kind. Ich hatte grundsätzlich darüber nachgedacht, wie sehr sich doch die Bedeutung des Privaten als Kind und in meiner weiteren Lebensspanne bis jetzt geändert hat. In den 50ern und 60er Jahren war alles privat und Privates tabu. Später, um 1968, war die Parole: „Alles Private ist politisch“, ab den 90er Jahren die Offenlegung intimer Details im Trash–TV, den Reality-Shows, in den Social Media und heute sprechen wir schließlich von Datenschutz. Ich dachte, ich beginne einmal in den 60er Jahren und arbeite mich dann in weiteren Büchern bis heute herauf.

Es geht ganz schön rund im Innenleben des Mädchens, von Kränkungen auf dem Weg zum Selbstständigwerden bis zu den eigenen Körperzuständen. So komplex sieht man Kinder sonst nicht oft an, sind die wirklich so?

Wirklich, hat der russische Schriftsteller Vladimir Nabokov einmal geschrieben, ist das einzige Wort, das man immer in Anführungszeichen setzen sollte. Wenn ich von heute aus auf das Wesen zurückblicke, das Ich gewesen sein soll, stellt es sich mir so dar. Aber eines wage ich mit Sicherheit zu sagen: Kinder sind total komplexe Wesen, sie sind sehr verletzbar, aber auch sehr tapfer und mutig. Und sie brauchen Geheimnisse.

Margit Schreiner räumt wieder zusammen. Diesmal holt sie zwecks Neuordnung und Ausmisten das Jahr 1959 aus den Ecken der Erinnerung. Damals war sie sechs und wog 16 Kilo.

Dieses siebente Lebensjahr sei ein unterschätztes, schreibt sie: weil die Ungerechtigkeiten anfangen und man verletzbar wird; und weil Margit Schreiner ständig auf Kriegspfad war.

„Vater. Mutter. Kind. Kriegserklärungen“ ist die Beschwörung der Kraft, die sie damals hatte, auch der Kraft zur Rebellion. Gegen Mütter und Lehrer sowieso. Das Leben einer Siebenjährigen ist feindlich. In ihr kämpfte es bereits, als die Kassierin im Linzer Lebensmittelgeschäft Kolczak dem Mädchen nicht die verlangten 100 Stollwerckzuckerln für einen Schilling gab, sondern zehn.

Das autobiografische Schreiben Schreiners ist oft ein Raunzen mit Hirn.

Ein Monologisieren bei Themen wie Kindererziehung, Sexualität, Trennung, Altwerden und jetzt Kindsein nach dem Krieg in der Voest-Siedlung. Kunst und Leben sind eins. Die Schriftstellerin protzt nicht, nie würde man auf die Idee kommen, Banalitäten werden erzählt. Das Komische sorgt dafür. Dass das Kind Angst hatte, vom Zupfen könnten die Schamlippen lang werden, ist nicht banal und schon gar nicht peinlich.

Die 66-Jährige greift mit Kommentaren ein und stellt Verbindungen her.

Schuleintritt – gefährlich.

Pension – gefährlich.

Im siebenten Jahr: der Ernst beginnt. Im siebenten Jahrzehnt: Der Ernst könnte jetzt endlich abgelegt werden.

Persönlicher Lieblingssatz im Buch: „Basti kam wegen seines Alters als Freund nicht in Frage.“ Peter Pisa

Das Resümee im Buch: „Es war eine schöne Zeit.“ Eine Stelle, die sich als Schlüsselsatz hinstellt, ist aber auch: „Die sechziger Jahre waren überhaupt eine merkwürdige Zeit: Einerseits Verschwendungssucht bei Küchengeräten, andrerseits Knausrigkeit bei Gefühlen. Besonders Kindern gegenüber.“ Was überwiegt Ihrer Meinung nach – das Schöne oder das Merkwürdige?

Ich habe oft überlegt, was an meiner Kindheit eigentlich schief gelaufen ist. Ich wurde nie geschlagen (auch keine Ohrfeige!), wir hatten keinen Mangel, sind in Urlaub gefahren, niemand hat mich gemobbt ... Im Laufe des Schreibens bin ich draufgekommen, dass die Kindheit an sich eine schiefe Sache ist. Die Welt zu entschlüsseln, schwierige Rätsel im Verhalten der Menschen zu lösen ist mühselige Puzzlearbeit, besonders in den 60er Jahren, wo über das meiste geschwiegen wurde. Da die meisten Rätsel trotz alledem geknackt wurden, hat sich herausgestellt, dass meine Kindheit gar nicht schief gelaufen ist, sondern eine schöne Zeit war.

Im Titel kommen Vater und Mutter gleichberechtigt neben dem Kind vor; aber im Buch bleiben die Eltern Figuren, die oft nur dann auftauchen, wenn es Ärger gegeben hat oder geben wird. Schade eigentlich, oder?

Ich glaube, dass meine Eltern im Vergleich zu anderen Eltern dieser Generation ziemlich viel mit mir unternommen haben. Die Hierarchie war durch den Altersunterschied vorgegeben. Meine Eltern waren sogar besonders alte Eltern. Der Vorteil einer gewissen Distanz zwischen Eltern und Kindern ist vielleicht, dass die Kinder mehr Spielraum haben, sich jenseits der Erwachsenenwelt auszuprobieren. Heute sind wahrscheinlich die Rasenmäher- und Helikoptereltern das größere Problem.

In der Eltern-Kind-Beziehung hat sich vieles ins Gegenteil verkehrt. Und dieses im Buch beschriebene unabhängige, freie Nachmittagsleben der Kinder im Hof, auf der Straße hat man sich zumindest in der Stadt abgewöhnt. Ist das ein Verlust für die Kinder?

Ich weiß von meiner Tochter, die ihre ersten sieben Lebensjahre in Berlin verbracht hat, dass sie und ihre Freunde immer einen Weg gefunden haben, der Erwachsenenwelt zu entwischen. Das hat sie mir erst viel später erzählt. Gott sei Dank, ich hätte mich zu Tode gesorgt, wenn ich gewusst hätte, dass sie schon im Kinderladen heimlich während der „Ruhezeit“ – offensichtlich hat hauptsächlich der Kindergärtner geruht – ein Gitter auf dem Boden vor dem gegenüber liegenden Haus aufgehoben, hinuntergestiegen und das Haus durch den Keller verlassen haben, um einen Rundgang um den Häuserblock zu machen.

Die Erzählerin geht sehr behutsam mit den Episoden um, sie lässt diese oft für sich stehen, ohne sich groß einzumischen. Ist das, um dem Kindeserleben gegenüber fair zu sein?

Ich bin überhaupt eine Gegnerin des Interpretierens anderer Menschen. Mein Ziel ist, die Menschen und somit auch die Figuren in meinen Romanen sein zu lassen, wie sie sind. Das Ziel ist wahrscheinlich unerreichbar.

Wie ist es Ihnen im Corona-Jahr ergangen?

Im ersten Lockdown habe ich große Teile dieses Buches geschrieben. Ich war erleichtert, dass jetzt alle, nicht nur ich, zu Hause sitzen, und musste nicht daran denken, was alle anderen alles unternehmen. Mit der Zeit ist es jedoch mühsam geworden. Da fehlen die Anregungen von außen, Veranstaltungen, Ausstellungen, meine Tochter, die in Glasgow lebt und nicht zu Besuch kommen kann. Ein kleiner Trost sind unsere Zoom-Gespräche.

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