Kultur
30.08.2018

Tolkiens erste Geschichte aus Mittelerde neu veröffentlicht

"Der Fall von Gondolin" wurde von seinem Sohn Christopher herausgegeben.

Wütendes Wasser steigt auf, die Elfenboote haben Schwanenhälse, auf Bäumen hängen goldene und silberne Blätter, die Stadt, die demnächst zerstört wird, ist aus weißem Marmor, Adler stürzen sich auf Orks, der Meeresgott lässt sich von Wal und Seelöwe ziehen ...  
Von den drei größten Legenden des Ersten Zeitalters („Die Kinder Húrins“, 250.000 verkaufte Exemplare im deutschsprachigen Raum, und „Beren und Lúthien“, 80.000 verkaufte Exemplare) ist „Der Fall von Gondolin“ am geeignetsten für die große Leinwand.

Das letzte Mal

Das war die allererste Geschichte, die J.R.R. Tolkien (Bild oben, 1893 – 1973)  in Mittelerde angesiedelt hatte. Kein Gedicht. Die erste wirkliche Geschichte.
Erstmals aufgeschrieben 1916/1917. Mehrere Bearbeitungen bis in die 1950er Jahre folgten. Im eigenen Buch – mit allen Versionen, mit Glossar, mit Alan Lees nebelige Illustrationen – erschien sie gestern, Donnerstag, in vielen Ländern der Welt zeitgleich.
Tolkiens Sohn Christopher hat nicht mehr damit gerechnet, auch noch den “Fall von Gondolin“ editieren zu können. So klug und schön und schön versponnen hat er es getan. Der Band ist eine Freude.
94 ist Christopher Tolkien. Nach 40 Jahren, beginnend 1977 mit der Sammlung unvollendeter Werke „Das Silmarillion“, beendet der Engländer seine Arbeit im Dienste des Vaters.


Harfenspieler

„Der Herr der Ringe“ spielt im Dritten Zeitalter, im Ersten wird Mittelerde vom mächtigsten der Dämonen Melko tyrannisiert (= der spätere Morgoth, dessen Diener Sauron ist).
Überlebende Elfen der  Schlacht der Ungezählten Tränen haben zwischen den Umzingelnden Bergen Gondolin gebaut – es sollte Freiheit und Frieden bedeuten. Hier ließ sich auch ein von Gott Ulmo dirigierter Mensch namens Tuor  nieder.  Er ist „unser“ aktueller Held.
 

Tuor führt eine Harfe mit. Er wird Waffen brauchen. Zwar macht ein Zauber die Stadt unsichtbar. Aber ein Verräter sorgt dafür, dass Orks und die fliegenden Balrogs und Metalldrachen und –schlangen kommen.
Einer der kämpfenden Elfen heißt Legolas. Legolas aus dem Hause des Baums. Es ist ein anderer Legolas, nicht jener, der später mit den Gefährten gegen Sauron kämpfen wird. Ist ja auch logisch, zwischen den Zeitaltern liegen viele Tausende Jahre.
Allerdings: Der Schiffbauer Cirdan war immer da. Für den König von Gondolin baute er sieben Segelschiffe – und Gandalf übergab er den Ring des Feuers, einen der drei Ringe der Elfen.
Cirdan hatte zuletzt einen sehr, sehr langen Bart. Seine Augen aber waren noch  „scharf wie Sterne“.
Und wahrscheinlich überlebt ja auch Ungoliant alle Zeiten, die Weberin der Düsternis. Eine Spinne. Wenn sie rülpst, entstehen schwarze Wolken. Die gibt“s noch immer. Vielleicht sogar heute.
Es ist noch genügend Material von J.R.R. Tolkien im Archiv. Irgendwann wird ein Schriftsteller die Erlaubnis bekommen, einzelne  mythische Geschichten fertigzuschreiben.

 

J.R.R. Tolkien: „Der Fall von Gondolin“
Herausgegeben von Christopher Tolkien. Illustriert von Alan Lee. Übersetzt von Helmut W. Pesch. Klett-Cotta. 352 Seiten.  22,70 Euro.

KURIER-Wertung: ****