Kultur
28.11.2018

Die Mörderin fährt "13 A": Der dritte Thriller des Regisseurs

Fritz Lehner, kürzlich mit dem "Leo-Perutz-Preis" für den besten Wiener Kriminalroman geehrt, in der Welt der Serienkiller ...

Sein erster Serienmörder war Dr. Kittel. Ein Chirurg, der in Wien-Seestadt die Leut’ umbrachte, mit  Bajonett. Gott wollte er sein – als ein Nachbar an einer Biene erstickt wäre, rettete er ihn (zunächst). ER entscheidet übers Leben, nicht die Biene.
Sein zweiter Serienmörder hatte am Donaukanal sein Revier. Vom 17. Stock des Bankenturms beobachtete Buchhalter Hauser das Treiben – und  Opfer.
Für diesen Roman, Titel „Nitro“, bekam Fritz Lehner kürzlich, was er schon für „Seestadt“ hätte bekommen können: den Preis für Wiener Kriminalliteratur. Die Jury:  Er sei „Chronist einer anderen, beunruhigenden Stadt, die unter der altbekannten Oberfläche lauert“.

Beruhigung

Sein dritter Serienmörder ist eine Frau. Ex-Krankenschwester Lisa war mit Dr. Kittel befreundet. Sie will noch „besser“ morden. Sie mordet entlang der Autobuslinie 13 A.
Fritz Lehner, 70 ist er,  recherchiert viel. Auch für „13 A“, und man neigt dazu, ihn zu fragen … aber das traut man sich nicht. Er versteht  trotzdem:
„Zu unserer Beruhigung: Fast jeder Mensch kann  Totschläger oder Mörder werden, aber nur sehr wenige ein Serienkiller.“
Und die Spritze? Lisa mordet mit einer Spritze .
„So weit gehen meine Recherchen – noch – nicht, dass ich mich mit einer Nadel steche, um sie zu spüren. Für diese Erfahrung haben ab und zu Ärzte gesorgt … und Lisa bin ich nie begegnet, obwohl sie ein dreiviertel Jahr in meiner Fantasie   an meiner Seite war.“
Kriminalromane mit Serienmördern sind reichlich vorhanden und meist öd. Fritz Lehners Romane sind anders, weil Lehner (Bild oben) anders ist. Der gebürtige Oberösterreicher hat als Regisseur österreichische Filmgeschichte geschrieben („Das Dorf an der Grenze“, der Schubert-Film „Mit meinen heißen Tränen“ …) Als Schriftsteller  kann er allein das Tempo bestimmen. „Der Schneeflockenforscher“ war ein Austoben in schöner Langsamkeit.  Für die Trilogie „Hotel Metropol“ über die Gestapo am Morzinplatz legte er 8000 Karteikarten an, um Übersicht zu bewahren.
Lisa spritzt ein Narkotikum und sucht sich jene Lebensader der Stadt aus, wo der 13er-Autobus mit monatlich einer Million Fahrgästen durchfließt. Mehrmals wird die „Schönheit des Mordens“ erwähnt.

Nur Objekte

„Das ist natürlich nicht meine Sicht,  im Gegenteil, mich entsetzt und ängstigt in der Wirklichkeit jede Gewalt, schon ein Taschendiebstahl. Aber in meinen Romanen möchte ich Serienmördern sozusagen gerecht werden – sie töten nun einmal gern, oft aus Lust, aus Freude am Erleben ihrer Überlegenheit. Oder um berühmt zu werden.“
Lehner versucht, ihre Gefühle nachzuempfinden. „obwohl die Welt eines Mörders unbegreifbar ist. Aber nur für uns –  ein Serienkiller empfindet aus fehlender Empathie selten etwas für seine Opfer, sie sind nur Objekte, er kennt keine Reue, sonst könnte er sein Werk nicht fortsetzen.“
Der Leser kennt die Täter von der ersten Seite an … „und ich versuche alles, damit er bei ihnen bleibt, obwohl sie Ungeheuer sind. Vielleicht erkennt sich jemand ein wenig selbst, vielleicht fasziniert nur das Böse, der Blick in den Kopf und die Seele eines Mörders. Oder er sehnt die Bestrafung  herbei.“
Zeigefinger erhebt Lehner keinen.  In Kriminalromanen nimmt er sich die Freiheit, niemanden zu einem besseren Menschen machen zu wollen. (Außerdem sticht Lisa so gut, niemand merkt, dass es aus und vorbei ist.)

 

Fritz Lehner: "13 A"

Seifert Verlag. 292 Seiten. 22,95 Euro.

KURIER-Wertung: ****