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Literatur
06/15/2019

Die Krimis von Friedrich Ani liest man wegen der vielen Zimmer

Jetzt bilden seine Helden Polonius Fischer, Jakob Franck und Tabor Süden ein Team.

von Peter Pisa

Friedrich Ani - Foto oben - schreibt  immer über das Zimmer, das jeder hat und mit sich trägt, egal wo er ist.
Das Zimmer, in dem er traurig ist und allein.
Im Zimmer von Anton Frey  dreht sich eine Schubert-Platte.
Er steht am Fenster seiner Münchner Wohnung  und erschießt eine Frau auf der Straße, eine Bibliothekarin. Dabei wird er beobachtet und  läuft weg.

Team-ups sind in amerikanischen Comics beliebt, Helden aus verschiedenen Heften bzw. Welten arbeiten zusammen, Spider-Man mit dem Black Panther, Hulk mit Iron Man, sogar Superman und Muhammad Ali waren einmal ein Team.
Für „All die unbewohnten Zimmer“ hat Friedrich Ani seine drei großen „Krimineser“  versammelt:
Polonius Fischer, den ehemaligen Mönch, der seine Jünger (Kollegen) mittags immer zum meditativen Gemeinschaftsessen bittet. Manchmal liest jemand Gedichte von Friederike Mayröcker vor oder Fischer zitiert aus der Bibel.
Den pensionierten Kommissar Jakob Franck – bekannt dafür, dass er den Toten, die ihn durchs  Berufsleben begleiteten, daheim Butterkekse  serviert.
Und Tabor Süden, der wegen allgemeiner Sinnlosigkeit den Dienst quittiert hatte und zum Zuhörer wurde. Zum Schweiger. Zum Säufer aber auch.
Drei, die man sozusagen „haben will“.


Pflasterstein

Friedrich Ani schreibt für Suhrkamp, denselben Verlag wie Handke. Da kann man nicht so bumm-zack.
Im vorangegangenen  Roman „Der Narr und seine Maschine“ war streckenweise zu befürchten,  dass er – frei nach Handke – ein solcher werden möcht, wie einmal ein andrer gewesen ist ...
Aber jetzt: kein Schwurbeln, nur „normal“ gut.
Schubert und Anton Frey sind bald vergessen. Zwei Flüchtlingskinder stehlen am Rand einer Nazi-Demonstration zwei Äpfel, ein Polizist meint, ihnen nachlaufen zu müssen.
Wer hat ihn mit einem Pflasterstein erschlagen?

Letzter Lottoschein

Aber Friedrich Ani liest man wegen der ... Zimmer voller Traurigkeit. Wegen der anderen bunten  Zimmer, die unbewohnt bleiben.
Wegen der Menschen, die erledigt sind. Die sich selbst verachten.
Die vielleicht doch noch nicht erledigt sind.
Da kniet eine Frau in ihrem Badezimmer, Gesicht zur Wand, die Hände gefaltet.
Betet sie?
Sie spricht mit Gott und stellt ihm Fragen, und sie ist froh, dass er nicht antwortet.
Da ist ein alter Mann, dessen Frau bei einem Überfall erschossen wurde. Er hält den letzten Lottoschein, den er mit ihr ausgefüllt hat, in der Hand. 32 Jahre haben sie es gemeinsam gemacht.
Zitat aus dem Buch:
„Er musste umarmt werden. Du triffst auf einen Menschen, und dir fällt ein, du kannst doch umarmen, also mach’s! Und du tust es, und es ist richtig, und der Mensch, dem du vielleicht nie zuvor begegnet bist, lehnt an dir und ruht aus.“
Ein Kriminalroman mit fast 500 Seiten ist eine Zumutung. Bei Friedrich Ani wird er fast zum Muss.

 


Friedrich Ani:
„All die unbewohnten Zimmer
Suhrkamp Verlag.
494 Seiten.
22,70 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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