Kultur
04.09.2018

Die Hungrigen und die Satten: Der Roman, von dem man spricht

Die Satire von Timur Vermes: 300.000 Flüchtlinge aus Afrika stehen an der Grenze . Wer gibt den Schießbefehl?

Liebling der deutschen  Medien ist zurzeit das Buch „Die Hungrigen und die Satten“, seit voriger Woche im Handel – eine Satire von Timur Vermes, der als Schriftsteller bekannt wurde, indem er AdolfHitler 2011 auf einer Wiese mitten in Berlin aufwachen ließ. (Wollte er nach dem Rrrechten sehen?)
Als Fernsehkomiker macht Hitler Karriere. Rasch stellt er  sich auf die neue Welt ein, mit YouTube und Smartphone.
Vermes hat mit dem Roman „Er ist wieder da“ erreicht, was er wollte: Nach anfänglicher Heiterkeit wird es kalt beim Lesen. Es wird braun. Man  misstraut  den Menschen.

2000 BHs

Der 51-jährige Nürnberger erreicht mit „Die Hungrigen und die Satten“ sein Ziel nicht so schnell und leichtfüßig: Der Humor schleppt die Handlung zum Starkstromzaun an der Grenze bei Salzburg.
Alles  beginnt damit, dass der Privatsender MyTV die Moderatorin Nadeche Hackenbusch nach Afrika schickt. Sie ist Star der Reality-Show „Engel im Elend“ und hat BHs  ins Flüchtlingslager mitgebracht.
2000 BHs ihrer eigenen Marke verschenkt sie. Sie sagt: „Ein BH kann auch nicht alle Probleme der Welt lösen. Aber es ist ein kleiner Schritt.“
Frau Hackenbusch ist anfangs ein Gewinn für die Geschichte, die die Leser einseift, bevor die kalte Dusche kommt.
 Europa hat die Grenzen geschlossen. In Afrika werden Lager mitfinanziert, aber nicht im Norden, sondern südlich der Sahara, sicher ist sicher.
Nadeche Hackenbusch macht mehr, als sie fürs Fernsehen machen soll. Sie begibt sich mit 150.000 Flüchtlingen auf den Marsch nach Deutschland. MyTV sendet live. Lastautos mit Wasser, Essen und Medizin begleiten. Die Menschen zahlen dafür (online) täglich fünf Dollar, das ist viel billiger als die Schlepper, die Hubschrauber einsetzen müssten.
Sie gehen 15 Kilometer am Tag. Aus 150.000 werden   300.000. Es ist den Hungrigen  bewusst, dass jetzt „ein anderer Merkel“ regiert. Egal –  es reicht, sie wollen nicht länger arm sein.
 Hackenbusch spricht ein hübsches Englisch mit ihnen: „You believe not what for a shit they make ...“ So in der Art. (Das kann nerven.)

Kottans Land

Die Länder lassen  durchmarschieren. Auch die Türkei. Der deutsche Innenminister, ausgerechnet von der CSU, beabsichtigt, die Grenze zu öffnen. Der Mann hat nämlich eine Idee ... und satt hat er es, „unseren christlichen Kern in der Nazi-Soße zu ertränken.“
Er wird nicht bleiben. Sein Nachfolger ist fürs Zumauern  – Hilfe aus Österreich erwartet er nicht, „Österreich wirkt immer wie das Land, in dem Kottan ermittelt.“
Nach 10.000 km und 500 Seiten ist der Roman dort angelangt, wo er Sinn macht: Wer Grenzen schließt, muss Grenzen verteidigen. Schauen wir uns das an. Denken wir es weiter. Welcher Scharfmacher gibt den Schießbefehl? Sollen Wasserwerfer oder Flammenwerfer eingesetzt werden? Vorne stehen Mütter mit ihren Kindern. Österreichische Panzer sind im Nahkampf ungeeignet.

 

 


Timur Vermes:
„Die Hungrigen und die Satten
Eichborn Verlag.
512 Seiten.
22,70 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern