Kritiker Hans Weigel bekam eine Watschen von der Schauspielerin Käthe Dorsch (im Bild).

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Nicht nur an der "Burg"
03/16/2014

Die großen Theaterskandale

Ohrfeigen, Nacktszenen, fliegende Logensitze und eine falsche Kaiserin erzürnten das Publikum.

Sicher, Skandale gibt’s in jeder Branche. Aber in kaum einer anderen werden sie so laut in die Welt hinausgetragen wie am Theater. Es muss ja nicht gleich – wie jetzt gerade – der Direktor gefeuert werden, es genügen schon Ohrfeigen, Nacktszenen und sonstige Aufreger.

Man schreibt den 13. April 1956, als die berühmte Schauspielerin Käthe Dorsch vor dem Café Raimund, vis-à-vis vom Wiener Volkstheater, dem Kritiker Hans Weigel auflauert. Als dieser erscheint, holt die Künstlerin weit aus und verabreicht ihm zwei schallende Ohrfeigen. Dann beschimpft sie ihn noch als "Dreckskerl" und als "Dreckfink". Und geht ab.

Ohnehin milde

Was war geschehen? Wenige Stunden zuvor war Weigels Kritik zu einer Burgtheateraufführung von Christopher Frys Komödie "Das Dunkel ist licht genug" erschienen, in der der Rezensent – für seine Verhältnisse ohnehin relativ milde – über Frau Dorsch urteilte: "Alles, was erlebt sein sollte, blieb Andeutung – wie Stars oft auf Verständigungsproben sind oder bei der 300. Vorstellung."

Es kam zum Prozess Weigel gegen Dorsch, im Zuge dessen der als Zeuge geladene Kammerschauspieler Raoul Aslan mit angemessenem Pathos "die Todesstrafe für Hans Weigel" forderte. Verurteilt wurde dann aber doch Käthe Dorsch und zwar "zu einer Geldstrafe von Schilling 500,- im Nichteinbringungsfalle drei Tage Arrest".

Partnertausch

Skandale, Intrigen, Beschimpfungen werden an Bühnenhäusern genüsslich zelebriert. Wen wundert’s, lebt doch das Theatervolk nicht unwesentlich vom Grad seiner Bekanntheit, und der wird durch eine einzige Schlagzeile nach Liebesaffäre, Scheidung, Ohrfeige oder sonstigem Eklat weit mehr gefördert als durch tausend anerkennende Kritiken. "Da werkelt man sein Leben lang mit klassischen Rollen am Theater", meinte Erika Pluhar, "und stellt dann fest, dass ein paar Männer im Leben und ein nackter Hintern alles sind, was die Leute an einem wirklich interessiert."

Die Pluhar sprach aus Erfahrung, hatte doch der zwischen ihr und ihrer Kollegin Gertraud Jesserer öffentlich gefeierte "Partnertausch" mit André Heller & Peter Vogel zweifellos für mehr Aufmerksamkeit gesorgt als jeder noch so große Bühnenerfolg. Und als sich die Pluhar 1973 in Tom Stoppards "Akrobaten" dem Publikum des Akademietheaters textilfrei zeigte, erregte das ebenfalls größeres Aufsehen als irgendeine andere Premiere.

"Kaiserin Katharina"

Für den größten Theaterskandal in der Monarchie hatte Katharina Schratt gesorgt, weil sie – als Freundin des Kaisers – eine Kaiserin spielte! Stein des Anstoßes war Franz von Schönthans Lustspiel "Maria Theresia", in dem sie 1903 am Deutschen Volkstheater in Wien auftrat. Karl Kraus prangerte in seiner Zeitschrift Die Fackel den Umstand, dass die Schratt in der Titelrolle zu sehen war, als "Gipfel der Geschmacklosigkeit" an. Während nämlich Kaiser und Künstlerin bis dahin immer darauf Bedacht waren, ihre Beziehung nicht in die Öffentlichkeit zu tragen, hätte die Schauspielerin nun die Grenzen des guten Geschmacks verlassen. Selbst der Kaiser konnte nicht glauben, was er da erfahren musste: "In der Zeitung habe ich gelesen", schreibt er der Seelenfreundin "dass Sie die Maria Theresia spielen werden. Ist das wahr?"

Ja, es war wahr. Man sah die Schratt auf der Bühne als das, was sie im wirklichen Leben nicht sein durfte: eine Kaiserin. Karl Kraus sprach von "Schäbigkeit der Gesinnung, Schwindel und widerlichster Anzüglichkeit, um vor einem nach Klatsch geilen Publikum die leeren Kassen eines Geschäftstheaters füllen zu helfen."

Das Ende der Karriere

Katharina Schratt hat nach dem Wirbel, den das Stück hervorrief, nie wieder eine Bühne betreten.

Knapp zwei Jahrzehnte danach ereignete sich der wohl Aufsehen erregendste Theaterskandal des 20. Jahrhunderts. Die Aufführung von Schnitzlers "Reigen" am 16. Februar 1921 hatte einen Wirbel zur Folge, der Österreich in zwei Lager spaltete. Demonstranten stürmten wenige Tage nach der Wien-Premiere die Kammerspiele, während dort das erotische Liebeskarussell lief. Die Vorstellung wurde zum Kampfplatz zwischen Nationalen und Liberalen: Mehr als 200 Randalierer drangen in das Theater, schleuderten Logensitze gegen ahnungslose Besucher, zerschlugen den Zuschauerraum. Schauspieler und auch der zufällig im Theater anwesende Arthur Schnitzler konnten sich nur hinter dem rasch heruntergelassenen Eisernen Vorhang in Sicherheit bringen.

Aufführungsverbot

Tags darauf verbot Polizeipräsident Johannes Schober "aus Gründen der öffentlichen Ruhe und Sicherheit" jede weitere Aufführung. Damit nicht genug, wurde bei der nun folgenden Parlamentsdebatte zum Thema "Reigen" der sozialdemokratische Abgeordnete Albert Sever durch einen Faustschlag getroffen und der konservative Innenminister Egon Glanz unter den Rufen "Hinaus mit dem Lump!" zum Rücktritt aufgefordert. Saalordner des Parlaments mussten die einander attackierenden Abgeordneten trennen. Schnitzler ließ sein von der Presse auch als "Saustück" bezeichnetes Werk für alle Zeiten sperren. Sein Sohn Heinrich hob die Sperre erst 1982 auf.

Stinkbomben

Weitere Theaterskandale, die durch nationalsozialistische Störtrupps inszeniert wurden, betrafen Kurt Weills Oper "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny", bei der Stinkbomben geworfen und Feuerwerkskörper zur Explosion gebracht wurden. Und bei der Premiere von Ernst Křeneks Jazzoper "Jonny spielt auf" wurden im Jahr 1927 Flugblätter mit dem Hinweis verteilt, die Wiener Staatsoper sei "einer frechen jüdisch-negerischen Besudelung zum Opfer gefallen".

Die lautesten Proteste

Wie harmlos waren dagegen die Skandale in der Zweiten Republik, die meist Aufführungen von Thomas Bernhard, Peter Turrini, Wolfgang Bauer und Elfriede Jelinek betrafen. Wobei die lautesten Proteste von Leuten kamen, die die Stücke nie gesehen hatten. Aber so ist das bei den Theaterskandalen. Man muss nicht hingehen, um schimpfen zu können.

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