Die Geschichte Palästinas aus palästinensischer Sicht
Rekonstruktion einer palästinensischen Familiengeschichte: „Im Schatten des Orangenbaums“.
Von Gabriele Flossmann
Wer im Nahost-Konflikt den Hass auf beiden Seiten verstehen will, muss sich mit der Geschichte der Region befassen und damit auch mit den Wurzeln des Nahost-Konflikts. Aus palästinensischer Sicht tut dies nun dieser Kinofilm.
Er beginnt mit einer Mutter, die in einem Krankenhaus nach ihrem Sohn sucht. Wir schreiben das Jahr 1988. Der palästinensische Teenager Noor ist bei einer Intifada-Demo im Westjordanland schwer verletzt worden. Noors Mutter Hanan bleibt nichts anderes übrig, als auf die Hilfe der Ärzte im israelischen Krankenhaus zu vertrauen.
Die in den USA geborene, palästinensische Regisseurin Cherien Dabis spielt in ihrem, auf dem Sundance Filmfestival gefeierten Drama selbst die Mutter von Noor. Während sie auf den Sohn wartet, erzählt sie rückblickend die Geschichte Palästinas. Aus eigener, subjektiver Sicht.
Noors Großvater Sharif war zur Zeit der Staatsgründung Israels, im Jahr 1948, der Besitzer eines Orangenhains in Jaffa. Ein wohlhabender Mann und ein liebevoller Ehemann und Vater. Dieses fast kitschig-schön geschilderte Glück währt nicht lange. Denn der Palästinakrieg rückt näher und wird für die Familie lebensprägend.
Das Trauma der Vertreibung wirkt über Generationen. Die fallenden Bomben, die Vertreibung durch israelische Soldaten. Das Flüchtlingslager bleibt der Familie erspart – sie wird von Verwandten in Jordanien aufgenommen. „Nakba“, auf Deutsch „die Katastrophe“ lautet die palästinensische Bezeichnung für die damaligen Ereignisse.
Der Film, zu dem die Regisseurin Cherien Dabis auch selbst das Drehbuch schrieb, ist so etwas wie eine palästinensische Familienchronik, die drei Generationen und insgesamt 80 Jahre umfasst.
Die israelische Besetzung des Westjordanlands in den 1070er-Jahren schildert sie in ihrem Film als Ausgangspunkt einer fortwährenden Demütigung für die Palästinenser. Eine Filmszene, in der die Regisseurin eigene Erlebnisse verarbeitet, zeigt, wie tief die wechselseitigen Vorurteile zwischen Israelis und Palästinensern sitzen.
Israelische Grenzsoldaten
Ihr Vater hatte Israel im Jahr 1967 verlassen. Zehn Jahre später, mit einem amerikanischen Pass in der Tasche, kehrt er das erste Mal wieder zurück – in Begleitung seiner damals achtjährigen Tochter. Die Erfahrung an der Grenze bei dieser Einreise, die Demütigung ihres Vaters durch israelische Grenzsoldaten, hätten sich – so die Regisseurin in der Pressekonferenz nach der Präsentation ihres Films in Sundance – tief eingeprägt.
Eine ähnliche Situation schildert sie in ihrem Film: Durch einen Zufall ist Noors Vater Salim mit ihm während der Ausgangssperre noch auf der Straße. Sie fallen israelischen Soldaten in die Hände und wird von ihnen – ohne ersichtlichen Grund - schikaniert. Noor ist aber – als Augenzeuge dieser Szene – nicht sauer auf die Soldaten, sondern auf den Vater, weil er sich von Israelis erniedrigen ließ.
Die Dreharbeiten zu diesem Film hatten in Israel bereits begonnen, als sie durch den Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 jäh unterbrochen wurde. Cherien Dabis entschied sich nach dem ersten Schock dafür, die Schauplätze nach Jordanien zu verlegen, am Drehbuch aber nichts zu verändern. Das trug dem fertigen Film die Kritik ein, dass er palästinensische Erfahrungen zu einseitig und nur aus der Sicht der Betroffenen erzählt. Ein Vorwurf, den sich die Regisseurin und Drehbuchautorin gefallen lassen muss.
Schwer verletzt
Zwar siegt bei den israelischen Ärzten, die den schwerverletzen Noor behandeln, der Humanismus, aber die Soldaten dürfen so gut wie keine positiven Gefühle zeigen. Nach dem 7. Oktober 2023 in einem Film ausschließlich von dem Leid einer palästinensischen Familie zu erzählen, ist, euphemistisch ausgedrückt: wagemutig. Zu wagemutig vielleicht. Trotzdem muss – oder sollte man – der Regisseurin glauben, dass es ihr nicht um eine politische Agitation gegen Israel geht. Auch nicht um eine Schuldzuweisung, wonach Israel allein die Schuld an der Eskalation des Nahostkonflikts trägt.
Vielmehr versucht der Film, Empathie für beide Seiten dieser traumatischen Geschichte zu wecken. Der Film endet im Jahr 2022, also vor dem schrecklichen Attentat. Womit er sich zwar der Haltung zum bestialischen Massaker der Hamas entzieht, aber vielleicht besser verdeutlichen kann, wie es zu den unversöhnlichen Fronten von heute kommen konnte. Dieses Anliegen gelingt zwar nicht immer, ist aber doch so weit erkennbar, dass es wert ist, sich mit dem Film auseinanderzusetzen.
INFO: D/CYP/USA 2025. 145 Min. Von und mit Cherien Dabis.
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