Kultur
27.04.2018

Die Fantastischen Vier: So politisch wie nie zuvor

Mit fast 30 Dienstjahren sind die Begründer des Deutsch-Rap reif für Sozialkritik

Es ist kein  Superheld und auch kein Film-Charakter. Der „Captain Fantastic“, nach dem die Fantastischen Vier ihr heute, Freitag, erscheinendes zehntes Studioalbum benannt haben, ist eine Geisteshaltung,  die die Deutschrapper  wie eine Familie zusammenhält,  wie Michi Beck  im KURIER-Interview   erklärt.

KURIER:  Nächstes Jahr feiern Sie 30-Jähriges Bandjubiläum. Was genau hat Sie so lange zusammengehalten?
Michi Beck: Wir Vier teilen miteinander so viele Sachen, die wir mit keinem anderen teilen. Wir haben so viel miteinander erlebt, sind  gemeinsam vom Durchschnitts-Teenie zu einer Art Pop-Star geworden. Das schafft  einen Geheimbund, der uns die anderen als Familie sehen lässt. Wir reißen Witze zusammen und haben so viele komische Wörter und Zoten,  die außer uns  kein anderer Mensch versteht. Wir haben miteinander mehr Zeit verbracht, als mit unseren Familien. Mit der Familie, wo du herkommst, verbringst du 16 bis 18 intensive Jahre, dann gehst du raus. Und mit den Familien, die wir gegründet haben   . . . die älteste Tochter ist die von Thomas, die ist jetzt 14 Jahre alt. Wir sind aber schon 30 Jahre zusammen, das ist eine sehr tiefe Verbindung. Wir wüssten auch nicht, was wir  sonst machen sollten.

Sie  persönlich hatten als DJ Hausmarke große Erfolge, das haben Sie aber  aufgegeben . . . 
Weil es auch nicht das Gleiche ist. Das Geilste ist immer noch, eine neue Platte gemacht zu haben. Währenddessen ist das  immer ein Kampf, aber das Gefühl, wenn das Ding  fertig ist, ist immer noch genauso toll und großartig. Und vor allem diese Songs dann live zu spielen, denn das ist immer noch unsere Hauptpassion.


Sie arbeiteten  für die Beats wie immer mit Leuten wie DJ Thomilla zusammen. Aber warum haben Sie sich diesmal auch   für die Raps  Input von Samy Deluxe, Curse und Clueso geholt?

Nach neun Platten haben wir schon so viel gesagt. Und wir wollen uns nicht wiederholen. Beim Input von Außen hilft es wahnsinnig, dass diese Leute einen viel motivierenderen Blick auf uns haben, als wir selbst. Gerade bei Selbstbeweihräucherungs-Texten, die nicht  unser Ding sind, denkt man dann,   ja, wenn die das so sehen, ist das okay.

Gleichzeitig sind aber viele Raps – auf humorvolle Art – politisch und sozialkritisch gefärbt.

Das kam vor allem von Thomas und mir. Sonst haben wir das ja eher außen vor gelassen, weil wir das nicht als unsere Aufgabe gesehen haben. Diesmal war aber dieser fortschreitende Rechtsruck, der fortschreitende Populismus, der überall auf der Welt Zündstoff ist, das, was uns am meisten bewegt hat. Früher haben wir so etwas noch weggekifft . . .

Und es waren andere Zeiten . . .

Na ja, Anfang der 90er gab es mit der Wiedervereinigung und Rostock schon auch genug Zündstoff. Aber da waren wir halt einfach zu jung dafür. Dafür hat es jetzt mit den Songs „Tunnel“, „Affen mit Waffen“, „Endzeitstimmung“ oder dem Intro so viel Einfluss wie nie.

Im Schlusstrack „Weitermachen“ wollen Sie motivieren, angesichts der Übermacht der Probleme nicht aufzugeben. Wie gehen Sie selbst damit um?

Man hat tatsächlich oft das Gefühl, dass einem der Schädel zerplatzt, weil das alles zu viel ist und die Probleme auch so komplex sind, dass man eben nicht weiß, wie man damit umgehen soll. Das ist das, was Smudo meistens abgehalten hat, politisch zu schreiben. Man sieht das an diesen Talkrunden im Fernsehen, wo Meinungen gesagt werden, wo ein Thema von allen Seiten beleuchtet wird, aber nichts rauskommt. Es ist schwierig, Politik und Weltlage ohne zu trivialisieren oder polemisch zu werden in einen Text zu fassen, weil der ja auch noch beschränkte Möglichkeiten hat.

Sie haben es trotzdem versucht: In „Endzeitstimmung“ heißt es: „Es wäre eine wundervoll Welt ohne Religion“. Und: Es geht nicht um heiligen Kram, sondern Reich gegen Arm.

Man muss halt ein paar Quintessenzen finden. Und tatsächlich geht es ja um dieses Ungleichgewicht, das auf der Erde vorherrscht. Religion ist nur eine Kanalisierung. Und wenn Sie fragen, wie ich damit umgehe: Das Problem ist ja auch, dass man niemandem mehr glauben kann und sich nicht mehr auf nur eine Lieblingslektüre verlassen kann. Plus: Es gibt auch gar nicht nur eine Wahrheit. Es gibt für verschiedene Menschen und verschiedene Sichtweisen verschiedene Wahrheiten. Man muss sich seine Meinung sehr vorsichtig bilden. Ich lese halt den Spiegel, die TAZ, Die Welt und Bild Online. Da hast du dann die Perspektiven der verschiedenen Pole – von konservativ über populistisch bis zu eher links und eher rechts.

Am 9. Jänner 2019 treten Sie mit der „Captain Fantastic“-Tour in der Wiener Stadthalle auf. Das wäre schon das Jahr des 30-jährigen Jubiläums. Haben Sie dafür noch andere Pläne?

Wir wollen im Sommer Jubiläumsshows spielen. Das Timing war leider blöd. Denn diesen Sommer kann man wegen Fußball-WM – zusätzlich zu all den Festivals – nicht auf Tour gehen. Und so wie es aussieht, werden Smudo und ich noch einmal Coaches bei „The Voice“ sein, was bis Anfang Dezember blockiert. Deshalb zieht sich die „Captain Fantastic“-Tour bis 2019. Aber es wird sicher danach eigene Jubiläums-Aktivitäten geben.