Kultur 09.05.2018

Die Charity-Auktion der Superlative

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Der Name ist Synonym für den US-Geldadel. Nun wird die Sammlung des Familienoberhaupts versteigert

„Ich glaube, dass uns das Sammeln und Bewundern von schönen Dingen einen gesünderen und ausgeglicheneren Zugang zu unseren Aktivitäten in allen Lebensbereichen gegeben hat“, erklärte David Rockefeller 1984. „Doch Schönheit ist keine Lösung für die drängenden Probleme der Welt, und jemand, der die Schönheit liebt, kann und sollte sein Verantwortungsgefühl nicht bloß auf sein eigenes Umfeld beschränken.“

Das Zitat ist den luxuriösen Katalogen vorangestellt, die Christie’s anlässlich des Großverkaufs aufgelegt hat, der am Dienstag, den 1. Mai, mit einer Online-Auktion beginnt und am 8., 9. und 10. Mai im New Yorker Rockefeller Center seinen Höhepunkt erreicht. Insgesamt 1562 Objekte aus dem Besitz des Patriarchen des Rockefeller-Clans, der im März 2017 im Alter von 101 Jahren verstarb, kommen dabei unter den Hammer. Man rechnet damit, dass die Verkäufe mehr als eine Milliarde Dollar einbringen – für wohltätige Zwecke. Es wäre damit die umsatzstärkste Nachlass-Versteigerung und die größte Charity-Auktion der Geschichte.

(Fast) alles muss raus

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Dass die Sammlung, die der Enkel des Ölbarons John D. Rockefeller sen. (1839–1937) teils geerbt, teils mit seiner Frau Peggy (1917–1996) aufgebaut hatte, eines Tages verkauft werden würde, war von langer Hand geplant: 2010 hatte der Milliardär, der über Jahrzehnte als Bankier sowie in zahlreichen politischen Funktionen agierte, den von Warren Buffett und Bill und Melinda Gates initiierten „Giving Pledge“ unterzeichnet. Mit diesem verpflichten sich reiche Individuen, mindestens die Hälfte ihres Vermögens gemeinnützigen Organisationen zukommen zu lassen.

Bei David Rockefellers Tod wurde sein Vermögen auf rund 1,6 Milliarden US-Dollar geschätzt; 1,4 Milliarden hatte er zu diesem Zeitpunkt schon gespendet. In seinem Testament verfügte er, dass weitere 650 Millionen aus seinem Erbe verteilt werden sollten. Insgesamt sollen 12 der Familie nahe stehende Organisationen von den Erlösen der Auktion profitieren, darunter Umweltschutzeinrichtungen und ein Zentrum für nachhaltige Landwirtschaft, die auf Biotechnologie-Forschung spezialisierte „Rockefeller University“ und das New Yorker Museum of Modern Art, das Abby Aldrich Rockefeller, Davids Mutter, mit begründet hatte.

Es ist kein rein selbstloses Spenden, sondern auch ein Kapitaltransfer, der durch das US-Steuersystem begünstigt wird: Dieses sieht hohe Erbschaftssteuern vor, bietet aber auch Möglichkeiten, diese zu umgehen.

Nichtsdestotrotz zerstreut die Auktion eine legendäre Kunstsammlung: Die fünf Kinder von Peggy und David Rockefeller (ein sechstes starb 2014 bei einem Flugzeugabsturz) durften sich „nur“ Gegenstände im Wert von jeweils einer Million US-Dollar als Erinnerungsstücke aussuchen, berichtete das Wall Street Journal.

Erinnerungsstücke

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Einzelne Lose der Online-Auktion – etwa Broschen oder Manschettenknöpfe – sind schon ab 100 US-Dollar zu ersteigern. Die Highlights aber könnten für neue Höhenflüge am Kunstmarkt sorgen: Etwa das „Mädchen mit Blumenkorb“ aus Picassos rosa Periode (1905), das einst der Literatin Gertrude Stein gehörte und auf 90 bis 120 Millionen US-Dollar geschätzt wird, oder Henri Matisses „Liegender Akt mit Magnolien“ (1923), taxiert auf 70 bis 90 Millionen Dollar.

Ob die Masse an dekorativer Kunst – darunter Unmengen an Porzellan – in der Auktion ebenfalls reißenden Absatz findet, bleibt freilich abzuwarten. Christie’s vertraut auf die Zugkraft des Namens Rockefeller, setzt diesen damit aber auch einem Test bei jenen Käufern aus, die zuletzt für Kunstmarkt-Rekorde sorgten: Sie stammten meist aus Asien. Sollten sie sich nun den alten amerikanischen Geldadel im Auktionssaal einverleiben, ist das wohl auch ein politisches Signal.

( kurier.at , hub ) Erstellt am 09.05.2018