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Kultur
09/24/2012

Die Brücke über die Drina - Von Ivo Andrić

Mit seinem Roman gelang Ivo Andrić ein machtvolles Panorama aus Mensch und Geschichte rund um Bosnien und Herzegowina.

So wie Heimito von Doderer unserer Strudlhofstiege im 9. Wiener Bezirk ein literarisches Denkmal setzte, so steht auch im Roman von Ivo Andrić ein Stück Architektur im Zentrum des Buches: die Brücke über die Drina. Am Ufer des Flusses liegt die Kleinstadt Višegrad, der Geburtsort des Autors im östlichen Bosnien und Herzegowina. Die Drina war nicht nur lange Zeit die natürliche Grenze zwischen West- und Ostrom, sondern zwischen Okzident und Orient. Ein Ort der Kämpfe, aber auch des Friedens: Über Jahrhunderte hinweg lebten in Višegrad Orthodoxe und Juden, Christen und Moslems friedlich zusammen.

Der Literaturnobelpreisträger Andrić erzählt in 24 Kapiteln die 400-jährige Geschichte dieser Brücke – sein Roman wird zur sprachmächtigen Chronik, die Ihresgleichen sucht. Alles beginnt im frühen 16. Jahrhundert, als das Osmanische Reich von den Einwohnern Višegrads Blutzoll fordert – in Form von Kindern, die verschleppt und in Konstantinopel ausgebildet werden. Einer von ihnen konvertiert zum Islam, wird zum Schwiegersohn des Sultans und Großwesir: Mechmed Pascha Sokoli. Seine Wurzeln freilich vergisst er nie: Als er endlich die notwendige Macht in Händen hält, beschließt er, die gewaltige, steinerne Brücke zu bauen. Hauptbeauf­tragter des Wesirs ist Abidaga, ein als "rücksichtslos" charakterisierten Mann. Ohne Skrupel zwingt er die Bewohner zur Fronarbeit und saugt den damals kleinen Flecken bis aufs Blut aus. Zwei Jahre nötigt Abidaga die Menschen, lässt Steinbrüche und Wälder leeren, bringt die Brücke fast zum Stehen. Dann aber häufen sich Sabotageakte – der Bauer Radisaw schürt Verzweiflung und Wut zu einem geheimen Krieg. Als er von Abidaga gefasst wird, lässt der Radisaw bei lebendigem Leibe pfählen – eine realistische, grauenhafte Szene. Mit dieser Brutalität endet aber auch Abidagas Schreckensherrschaft: Mechmed Pascha findet heraus, dass sein Beauftragter die Arbeiter weder bezahlte noch verköstigte, sondern das dafür veranschlagte Geld für sich selbst behielt. 1571 – nach fünfjähriger Bauzeit – ist die auf elf Steinpfeilern ruhende Brücke über die Drina endlich vollendet.

Lebendige Geschichte

Ivo Andrić führt uns weiter durch die Jahrhunderte: 1804 erheben sich die Serben erstmals gegen das Osmanische Reich, 1875 begehren auch Bosnien und Herzegowina gegen die Moslems auf, die k.u.k-Monarchie dringt bis Višegrad vor. Immer ist es die Brücke über die Drina, die als Platzhalter von Krieg und Frieden gezeigt wird, als Schauplatz der Hoffnung, aber auch als Ort blutigster Kämpfe. Geschichte wird auf diese großartige Weise lebendig gemacht – schon allein deshalb ist dieses Buch so wichtig. Andrićs Chronik endet mit dem Kampf zwischen österreich-ungarischen und serbischen Truppen im Ersten Weltkrieg: Tagelang wird 1914 Mechmed Paschas Bauwerk mit Haubitzen bombardiert, hält Stand und wird schließlich doch durch eine Sprengung der Pfeiler zerstört.

Die Brücke über die Drina, ein Mikrokosmos nur, der aber den Makrokosmos unserer Welt bis heute allgemeingültig widerspiegelt. Ein ähnlich machtvolles Panorama aus Mensch und Geschichte wurde selten versucht. Mit seinem Roman gelang Ivo Andrić – dem von 1892 bis 1975 lebenden serbischen Schriftsteller bosnischer Herkunft – auf beeindruckende Weise, was er für sich selbst in einem Interview gefordert hatte: "Alles im Leben ist eine Brücke – ein Wort, ein Lächeln, das wir dem anderen schenken. Ich wäre glücklich, könnte ich durch meine Arbeit ein Brückenbauer zwischen Ost und West sein."

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