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Kultur
08/20/2019

Diane Kruger: "Ich werde ständig für Ausländerrollen angerufen"

Die deutsche Schauspielerin spielt eine Mossad-Agentin auf Geheimmission in Teheran. Im KURIER-Interview spricht sie über ihren neuen Film, ihre Rollen in Hollywood und Blockbuster.

Agentinnen im Vormarsch. Sie lassen die Muskeln spielen, kämpfen aber auch mit den Waffen einer Frau. Weil ein betörender Augenaufschlag bisweilen wirkungsvoller sein kann als ein Schlag mit der Faust.

„Die Agentin – The Operative“ (ab 30. August im Kino) erfüllt (fast) alle Anforderungen des populären Spionage-Genres – irritiert aber mit einem offenen Ende. Entgegen aller durch James Bond und Co. geschulten Erwartungshaltungen legt sich der Film nicht fest, wer in diesem Spionage-Karussell die Guten und wer die Bösen sind. Der Psycho-Mossad-Agententhriller des israelischen Regisseurs Yuval Adler wartet darüber hinaus auch mit Verschwörungstheorien auf, die von antizionistischen Hysterikern erfunden sein könnten.

Dass man der Geschichte trotzdem gerne folgt, liegt vor allem an der Hauptdarstellerin. Die von Diane Kruger gespielte Rachel wird vom israelischen Geheimdienst für eine Mission im Iran angeworben. Als Grund, warum sie diese Aufgabe annimmt, nennt sie die Mission des Mossad: Er sei als Antwort auf den Holocaust gegründet worden, um Israels Rolle als Schutzraum für Juden zu sichern und das Land zu verteidigen. Und Rachel will zumindest ein kleines Rädchen dieser Verteidigungsmaschinerie sein.

Diane  Kruger wurde 1976 in Algermissen in Niedersachsen als Diane Heidkrüger geboren. Sie nahm von Kind an Ballettunterricht und begann eine Model-Karriere in Paris. Dort nahm sie Schauspielunterricht und verkürzte ihren Namen zuerst auf Krüger, dann auf Kruger.  Neben Deutsch spricht sie fließend Englisch und Französisch und synchronisiert sich oft selbst.

Der  Durchbruch gelang Diane Kruger  mit  dem Hollywood-Film „Troja“ (2004). Ihre denkwürdigste Rolle spielte   sie in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ (2009). Erstmals eine Hauptrolle in einem deutschen Film übernahm sie in Fatih Akins  „Aus dem Nichts“   (2017).  In „Die Agentin“ (ab 30. 8. im Kino) spioniert Diane Kruger für den Mossad in Teheran.

Der Beginn ihrer „Mission“ gestaltet sich mysteriös: Rachel verschwindet nach dem Begräbnis ihres Adoptiv-Vaters spurlos. Der einzige Hinweis auf ihren Aufenthaltsort ist eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter ihres Verbindungsmannes Thomas – eines in Deutschland lebenden, jüdischen Briten. Er soll herausfinden, ob Rachel eine Gefahr für den Mossad sein könnte, weil ihr bei einer Undercover-Mission in Teheran genau das passiert ist, was einer Agentin nie passieren sollte: Sie hat sich in das Objekt ihrer Spionage verliebt. Der Mann ist ein Elektronikunternehmer, der angeblich mithilfe deutscher Tarnfirmen das iranische Nuklearprogramm sabotieren will.

 

Der Thriller wurde an mehreren Orten gedreht, darunter Köln, Israel, Bulgarien, Leipzig und Rheinbach. Teheran ist nur in wenigen Aufnahmen zu sehen, die mit einer zweiten Crew und mit einem Diane-Kruger-Double (aus Versicherungsgründen) gedreht wurden. Der Film basiert auf einer Romanvorlage von Yiftach Reicher Atir, selbst einst Mitarbeiter des Mossad. Ein Gespräch mit Kruger über die Vorteile von Vielsprachigkeit und ihr Training beim Mossad.

KURIER: Die von Ihnen gespielte Agentin ist mehrsprachig und fühlt sich nirgendwo zu Hause. Können Sie sich damit identifizieren?

Diane Kruger: Es geht um eine Frau, die drei Sprachen spricht und den Grund ihres Lebens sucht. Das war eine Rolle, wo ich das Gefühl hatte, von der Basis her viel mit ihr gemeinsam zu haben. Auch meine eigene Identität ist durch ganz unterschiedliche Kulturen und Länder geprägt. Ich bin so ein „Drifter“. Ich komme zwar aus Deutschland, bin aber seit 25 Jahren weg, ich lebe in Frankreich, bin aber keine Französin und auch nicht Amerikanerin.

Wie nimmt man Sie in Amerika wahr?

Schlicht als Europäerin. Ich werde ständig für Ausländerrollen angerufen, egal ob Deutsche, Französin, Italienerin oder Russin. Die europäische Herkunft reicht.

Und können Sie sich auch mit dem Agentinnen-Leben identifizieren?

Spannend war für mich, wie bei der Agentin nach und nach die Grenzen zwischen Mission und Privatleben verschwimmen. Ich bin im wirklichen Leben eher zurückgezogen und komme nicht so aus meiner Haut raus – und ich glaube, dass Schauspielern meine Art ist, mir Horizonte zu eröffnen, auf Menschen zuzugehen und Menschen zuzuhören und wirklich etwas zu erleben. So habe ich zum Beispiel vor Drehbeginn ein fünftägiges Basis-Training beim israelischen Geheimdienst Mossad absolviert – und dabei ist mir bewusst geworden, was es bedeutet, eine Mission zu haben, dieses Cover zu leben, immer über die Schulter zu gucken, ob man gerade beobachtet wird – über Jahre hinweg.

Unter Beobachtung zu stehen – dieses Gefühl wird Ihnen wahrscheinlich aus Ihrer Vergangenheit auf den Mode-Laufstegen bekannt vorkommen. Sehen Sie den Model-Beruf als gute Vorschule für die Schauspielerei?

Für mich war der Model-Beruf wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, aus der Kleinstadt, aus der ich komme, hinaus in die Welt zu gehen. Ich bin von Deutschland aus nach Frankreich und dann nach Amerika gegangen. Mein Weg hat mich vom Tanzen über das Modeln zur Schauspielerei geführt. Ich durfte mehrere Leben leben. Das Modeln ist ein Abschnitt meines Lebens, an den ich mich manchmal gern erinnere, den ich aber nicht unbedingt noch einmal leben möchte. In diesem Abschnitt habe ich nicht nur positive Erfahrungen gesammelt.

Gibt es eigentlich eine Sprache, in der Sie sich als Schauspielerin „zu Hause“ fühlen?

Für mich hat die Mehrsprachigkeit den Vorteil, dass man mich weder nur als „die Deutsche“ in Hollywood besetzt oder „als Französin in Amerika“. Kino ist eine universelle Sprache, und ich empfinde es als Glück, in drei Sprachen flüssig zu sein und mich nicht beschränken zu müssen. Mein Traum war immer, dass ich in keine Schublade reinpasse.

Es gibt zu diesem Film gemischte Kritiken, weil das Geheimnis, das die von Ihnen gespielte Agentin umgibt, nicht aufgelöst wird – und weil er offenlässt, wer im Nahen Osten die „Guten“ und wer die „Bösen“ sind. Wie sehen Sie das?

Ich glaube, dass manche Kritiker ein typisches Beispiel für das gewohnte Spionage-Genre erwartet haben. Was mich an dieser Rolle interessiert hat, ist gerade das Geheimnisvolle an dieser Frau und dass der Film kein herkömmlicher Thriller ist, sondern versucht, eine moderne, wahrhaftigere Interpretation eines Agenten-Lebens zu vermitteln. Die Wahrheit ist nicht immer seicht und unterhaltsam. Um sie zu verstehen, bedarf es auch so etwas wie Anspruch und Haltung.

Anspruch und Haltung – sind das auch die Stichworte für Ihre Rollenauswahl?

Meinen Sie damit, dass ich nur mehr in anspruchsvollen Filmen mitspielen will und Blockbuster ablehne? Natürlich sind für mich in erster Linie ein gutes Drehbuch, eine gute Rolle und auch eine gewisse künstlerische und politische Haltung die Anreize dafür, bei einem Projekt mitzumachen. Aber ich habe auch nichts gegen Blockbuster. Ich drehe gerade einen (vorläufiger Titel „355“, Anm.). Meine Partnerinnen sind Jessica Chastain und Penélope Cruz – und es ist wieder ein Spionagefilm. Aber man weiß ja nie, ob ein geplanter Blockbuster-Film auch wirklich ein Blockbuster wird (lacht).