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Kultur
03/24/2019

Diagonale 2019: Die großen Gewinner

Polit-Traumata-Filme „Chaos“ und „The Remains“ erhalten große Auszeichnungen.

Schwere politische Traumata verfolgen jene Filmbilder, die auf der heurigen Diagonale mit den wichtigsten Preisen ausgezeichnet wurden. Die Inschrift des Krieges lässt sich überall ablesen – in tränenüberströmten Gesichtern, in Ritualen der Trauer, in den Überresten von Flüchtlingsbooten auf den Stränden von Lesbos. Die Echokammern des Syrienkrieges befinden sich auch in Wien, in den Köpfen der Menschen, deren Herzen durch den Tod naher Angehöriger gebrochen wurden.

Großer Preis

Der große Spielfilmpreis der Diagonale, dotiert mit 21.000 Euro, ging an den zerbrechlichen Filmessay „Chaos“ der in Wien lebenden, aus Damaskus stammenden Filmemacherin Sara Fattahi. Überreicht wurde der Preis während der Abschlussgala in Anwesenheit von Bundesminister Gernot Blümel, der bei dieser Gelegenheit gestand, dass sein liebster österreichischer Film der historische TV-Dreiteiler „Maximilian“ sei.

In „Chaos“ porträtiert Fattahi Raja und Heba, zwei syrische Frauen, die mit schweren Verlusten umgehen müssen. Rajas Sohn wurde tot in einem Fluss aufgefunden – mit auf dem Rücken gebundenen Händen. Seine Mutter versucht nun, mit ihrem Schmerz zurande zu kommen. Auch Heba hat sich Strategien zurecht gelegt, um den Tod ihres Bruder zu verkraften. Zum Selbstmord fehle ihr der Mut, erzählt sie, stattdessen flüchte sich ihr Körper manchmal in undurchdringlichen Schlaf.

Berührende Hauptrolle

Der Druck der schmerzhaften Erinnerung produziert bei den Protagonistinnen ein inneres Chaos, das sich nur schwer in Worten ordnen lässt. Die Unmöglichkeit des Sagbaren findet sich in Fattahis stillen Bildern wieder. Sie lässt die Welt ihrer Protagonistinnen auf kleine, häusliche Details schrumpfen, auf Handgriffe wie das Falten der Kleidung des verstorbenen Sohnes.

Im Vergleich dazu ist Nathalie Borgers Doku „The Remains – Nach der Odyssee“ , die über den Versuch syrischer, in Wien wohnhafter Flüchtlinge erzählt, ihre ertrunkenen Angehörigen zu bergen, ausgesprochen extrovertiert (der KURIER berichtete). Borgers erhielt für ihre niederschmetternde Doku den Großen Preis – übrigens überreicht von Gernot Blümel persönlich – für den besten Dokumentarfilm (21.000 Euro).

Die Preise für bestes Schauspiel gingen an Joy Alphonsus für ihre berührende Hauptrolle als Sexarbeiterin in Sudabeh Mortezais „Joy“ und an Simon Frühwirth für sein intensives Spiel als von Angststörungen zerquälter Teenager in Gregor Schmidingers „Neverland“.

"Chaos" und "Szenen einer Ehe"

Es ist vielleicht kein Zufall, dass der große Spielfilmpreis an eine Arbeit wie „Chaos“ verliehen wird, in der die Gattungsgrenzen zwischen Spielfilm und Doku stark aufgeweicht werden. Tatsächlich tat sich der heurige Jahrgang heimischer Produktionen ganz besonders im Dokubereich hervor.

Der Blick wendet sich manchmal ganz ins Private, wie etwa Kathrin Schlösser in ihrem umwerfenden Film „Szenen meiner Ehe“, wo die Kamera als Dritte im Bunde das Zusammenleben von Schlösser und ihrem Mann mit entwaffnender Unverblümtheit verfolgt. Katharina Copony rekapituliert ihre eigene Kindheit und die ihrer Mutter „In der Kaserne“, wo die Großmutter eine Kantine führte. Während im Hintergrund salutiert wird, machen kleine Mädchen mit Zöpfen Hüpfspiele.

Ulli Gladik schließlich befragt in „Inland“ FPÖ-Wähler zu ihren Ansichten. Deren Hass auf „die Ausländer“ nimmt teilweise absurde Züge an und wirkt umso grausamer im Angesicht jener Filme, die Kriegserfahrungen in all ihrer Wucht erzählen.