Kultur
18.04.2018

Designer Sagmeister: "Visuelle Umweltverschmutzung" wegen Digitalisierung

Heute startet das 4Gamechangers-Festival. Der Grammy-ausgezeichnete Designer Stefan Sagmeister hält eine Keynote zur Schönheit.

Zuletzt hat er sich auf die Suche dessen gemacht, was eigentlich wirklich wichtig ist: In einer Ausstellung im MAK in Wien und einem Film – „Happy Film“ – widmete er sich den Wegen zum Glück.

 

Im Herbst (ab 24. Oktober) folgt, wieder im MAK, eine Ausstellung zum Thema Schönheit – und darüber spricht Sagmeister auch am Donnerstag beim 4Gamechangers-Festival, das heute in der Marx Halle startet. Der preisgekrönte, in New York arbeitende und lebende Vorarlberger, der unter anderem mit LP-Covers für die Rolling Stones und Lou Reed bekannt wurde, hat dem KURIER vorab erläutert, warum Social Media visuelle Umweltverschmutzung fördert, was die Schönheit der Städte ausmacht – und warum Schönheit wieder „in“ ist.

KURIER: Die Schönheit, ein Begriff, der im 20. Jahrhundert über weite Strecken völlig aus der Mode geraten ist, erlebt derzeit eine Renaissance, und zwar auch wegen der Digitalisierung. Ist das Empfinden für Schönheit wirklich bald das Letzte, das den Menschen vom Roboter unterscheiden wird, wie manche sagen?

Stefan Sagmeister: Ja, die Schönheit wurde im 20. Jahrhundert sehr vernachlässigt und in vielen Fällen gegen die Funktion ausgetauscht. Das war ein Fehler. Viele der funktionalen Blockbauten mussten schon nach zwei bis drei Jahrzehnten wieder abgerissen werden, weil sie nicht funktionierten: Sie waren für das menschliche Wohnen ungeeignet, niemand wollte sich darin aufhalten. Dinge funktionieren viel besser, wenn sie schön sind. Es gibt Bestrebungen, den Maschinen das ästhetische Denken beizubringen. Dies wird in der Zukunft wahrscheinlich auch möglich sein, wann, kann ich allerdings nicht abschätzten.

Was nützt uns die Schönheit im Alltag? Macht sie glücklich, hat sie auch gesellschaftspolitischen Einfluss?

Eine schöne Umgebung beeinflusst nicht nur, wie ich mich fühle, sondern auch, wie ich mich verhalte. Ich fühle mich in Rom anders als in Pittsburg. Ich verhalte mich im Kunsthistorischen Museum anders als auf der Müllhalde.

 

Viel ist derzeit die Rede von einer Transformation der Städte – zu mehr gemeinsamen Räumen, zu neuen Verkehrskonzepten. Welche Rolle kann oder muss die Schönheit in der Zukunft der Städte spielen?

Die Rolle der Schönheit in der Zukunft ist einfach: Sie muss wieder eine ordentliche Rolle spielen. Diese Rolle hat sie auch in den historischen Formen der menschlichen Besiedlung immer gespielt, von den Ägyptern, den Griechen und Römern über die Renaissance bis ins 19. Jahrhundert. Aus vielen Umfragen ergibt sich eine weltweite Übereinstimmung, welche Städte schön und welche es nicht sind. Es befinden sich stets in etwa dieselben zehn Städte unter den Top 10, Wien ist auch dabei. Unter den vielen Funktionen, die diese Schönheit mit sich zieht, befindet sich auch das Einkommen aus der Tourismusbranche. Die Schönheit der schönen Städte zieht die Leute aus den hässlichen Orten an.

Vieles von dem, was wir täglich tun, findet mittlerweile im Smartphone statt. Kann auch die digitale Welt von mehr Schönheit profitieren, und wenn ja, wie?

Allerdings, die digitale Welt könnte sehr von der Schönheit profitieren. Viele digitale Strategien im visuellen Bereich basieren immer noch auf den Anfängen des Modernismus, auf Theorien aus den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts von Jan Tschichold, die derselbe später widerrufen hat –, da war es dann allerdings schon zu spät. Wir sind in meinem Studio zum Schluss gekommen, dass die Dinge nur dann die Chance haben, schön zu werden, wenn die Schönheit als Ziel am Designprozess teilnimmt. Dies ist derzeit in der digitalen Welt kaum der Fall, da geht es immer noch um die reine Funktion – die dann nicht so gut funktioniert.

Wie hat sich die Aufgabe des Designers durch die Digitalisierung verändert?

Einige Aspekte der Digitalisierung haben sich positiv ausgewirkt: Plattformen wie Instagram ermuntern viele Menschen dazu, sich mit ästhetischen Fragen auseinanderzusetzen. Auf der anderen Seite erlaubt die Digitalisierung die schnelle und einfache Herstellung einer Flut an visuellem Material, das in vielen Fällen zur visuellen Umweltverschmutzung beiträgt.

4GameChangers: Blockchain, soziale Medien und Bildung

Das 4Gamechangers-Festival, das von heute bis 20. April in der Wiener Marx Halle stattfindet, lockt dieses Jahr wieder mit einem umfangreichen Programm. Allein die Liste, die auf der Homepage die wichtigsten Gäste und Vortragenden präsentiert, enthält fast 100 Einträge mit Persönlichkeiten aus den verschiedensten Bereichen.Polit-RockVon Bundeskanzler Sebastian Kurz über den Designer Stefan Sagmeister (siehe oben) bis zum Iron-Maiden-Sänger und Geschäftsmann Bruce Dickinson reicht die illustre Teilnehmerparade. Vertreten sind neben dem Who’s who der österreichischen Start-up- und Wirtschaftsszene auch Forscher, Autoren, Futurologen, Journalisten und Kabarettisten aus aller Welt. Ein Roboter steht ebenfalls auf der Gästeliste.

Starthilfe

Dieses Aufgebot sorgt dafür, dass die Vorträge und Diskussionen an den drei Festivaltagen divers ausfallen. Die Themen reichen von den Rahmenbedingungen für Start-ups über neue Technologien wie Blockchain bis zu den Herausforderungen der Digitalisierung für Demokratie und Gesellschaft. 

Zum Auftakt des Festivals am 18. April stehen Jungunternehmen im Mittelpunkt. Unter dem Motto „4Startups“ wird es Open-Mic- und Pitching-Sessions geben, bei denen junge Entrepreneure ihre Ideen vor einer Expertenjury und Festivalbesuchern präsentieren werden. Eine Jury wird die Kurzpräsentationen bewerten und am  Mittwochabend bestimmen, wer mit seinem Projekt am besten überzeugen konnte. Daneben gibt es Keynotes und Podiumsdiskussionen zu den Trendthemen Kryptowährungen und Blockchain. Die Diskussionen werden sich um die Herausforderungen und Chancen, denen sich Start-ups stellen müssen, drehen.


Der zweite Tag steht unter dem Motto 4Gamechangers. Hier wird unter anderem diskutiert über den Einfluss sozialer Medien auf Journalismus und Demokratie, die Rolle des Datenschutzes und die Herausforderung, die die Silicon-Valley-Techkonzerne für Europas Gesellschaftsentwurf darstellen.

 

Am Nachmittag geht es um die zukünftige Rolle künstlicher Intelligenz, Sex und Beziehungen mit Robotern, Klimawandel und selbstfahrende Autos.  

Am dritten Tag rückt die Bildung ins Zentrum des Interesses.

Damit die Köpfe bei den ganzen Eindrücken nicht zu früh zu rauchen beginnen, werden die Abendveranstaltungen beim 4Gamechangers lockerer bestückt. Hier gibt die Popmusik den Ton an. An allen drei Tagen gibt es nach Sonnenuntergang Livemusik für die Besucher.  

Tickets

Ein Ticket für alle drei Tage kostet regulär 300 Euro, für Senioren, Start-ups sowie Kinder, Jugendliche und Studenten gibt es Ermäßigungen. Tageskarten für das Festival sind ab 50 Euro erhältlich. Der Verkauf findet auf der Webseite von 4Gamechangers statt. Das Vortragsprogramm startet jeweils um 9 Uhr morgens, das Unterhaltungsprogramm jeweils um 20 Uhr. Der KURIER wird berichten.