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Kultur
09/04/2012

Der weibliche Name des Widerstands - Von Marie-Thérèse Kerschbaumer

Die Virtuosität der Form führt zu einer Magie des Inhalts: Kerschbaumers sieben poetische Miniaturen erschüttern zutiefst.

Sieben Berichte" untertitelt Marie-Thérèse Kerschbaumer ihr Buch "Der weibliche Name des Widerstands". Eine leicht irreführende Bezeichnung, denn diese sieben Porträts von Frauen, die während der Nazizeit Widerstand leisteten, sind unendlich viel mehr als nur "Berichte". Kerschbaumer gelingt eine Art Beschwörung ihrer Schicksale; sie schenkt jeder dieser verhafteten, verschollenen oder im KZ ermordeten Frauen eine eigene Stimme, die aus dem Jenseits zu uns herüberzudringen scheint. Sie sprechen mit uns, diese mutigen Opfer: Einmal in Ichform als Brief, wie die Arbeiterin Antonie Mück, "zusammen mit neun Kampfgefährten aus Wiener Betrieben", 1942 "geköpft", einmal eingebunden in einen erzählenden Dialog, wie etwa der Text zu Alma Johanna Ehrenfels, 1942 ins KZ Minsk verschleppt und "seither verschollen".

Die sieben beispielhaften Schicksale entstammen allen sozialen Schichten: Tonschi – Antonie Mück – ist Arbeiterin, Alma eine Freifrau von. Steffi Kunke arbeitete als Lehrerin, Elise Richter war die erste österreichische Hochschullehrerin, Restituta eine Schwester des Franziskanerordens und Anni – Anna Gräf – ein 19-jähriger Schneiderlehrling, als sie im Jänner 1944 zum Tode verurteilt wurde. Der letzte dieser "sieben Berichte" ist den verfolgten Sinti und Roma gewidmet: "Name: UNBEKANNT, geboren: unbekannt, verschleppt und vernichtet: 1938 bis 1945". Diese knappen Namen und Daten stellt Kerschbaumer jeweils an den Anfang ihrer Porträts, setzt damit eine Art Grabstein mit den wenigen Lebens-Informationen, die während der Recherche zu finden waren. Schon aus diesem Grund war die 1936 geborene Schriftstellerin gezwungen, literarisch und nicht reportagehaft zu schreiben. Sprachlich nutzt sie dafür eine erstaunliche Bandbreite: Wechselnde Erzählperspektiven, assoziatives Schreiben, szenische Auflösungen, Montagen und innere Monologe – all dies fügt Kerschbaumer souverän zusammen. Oft werden – einen Dialog imitierend – Fragen eingesetzt, die weitertreiben; immer wieder fühlt man sich an den Bewusstseinsstrom im "Ulysses" von James Joyce erinnert.

Die Virtuosität der Form führt zu einer Magie des Inhalts: Kerschbaumers sieben poetische Miniaturen erschüttern zutiefst und verunsichern uns bis in die Grundfesten. Sie habe, erklärte die Autorin, "beim Schreiben geweint", und diese tiefe Emotion teilt sich bis heute ungebrochen mit. Durch die bis an die Grenze gehende Ästhetik von Marie-Thérèse Kerschbaumer wird die brutale Menschen-ausrottung im Dritten Reich, werden die lethargischen Kräfte dieser Zeit, die großen Phrasen und die kleinen Sorgen erst wirklich darstellbar. "Der weibliche Name des Widerstands", 1980 erschienen, zählt zu den Hauptwerken der österreichischen Literatur nach 1945. Die Autorin, seit 1957 in Wien lebend, gilt zu Recht und nach wie vor als eine der wichtigsten literarischen Stimmen des Landes. Mit ihren engagierten Texten kämpfte und kämpft sie gegen das Vergessen. Ihre politische Ästhetik durchdringt auch das Hauptwerk, die 1992-2000 entstandene Trilogie mit den Titeln "Die Fremde", "Ausfahrt" und "Fern".

"Der weibliche Name des Widerstands" wurde 1981 von Susanne Zanke für den ORF verfilmt. Kerschbaumer vereinte in ihrem wohl bekanntesten Buch auf unnachahmliche Weise kunstvolle Sprache, politischen wie persönlichen Widerstand und die Rolle der Frau in alldiesen Belangen.

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