Chris Thile: Für seine musikalische Arbeit erhielt der Musiker 2012 den so genannten "Genius Grant", dotiert mit 500.000 US-Dollar.

© dapd/Christopher Lane

Kritik
11/05/2014

Der Jimi Hendrix der Mandoline

Chris Thile begeisterte im Duo mit Brad Mehldau im Wiener Konzerthaus.

Er hat etwas Spitzbübisches, Schüchternes an sich, das von seinem kleinen, zarten Instrument, der Mandoline, noch unterstrichen wird. Doch Chris Thile ist ein Gigant.

Das zeigte sich am Dienstag, als der 33-jährige US-Musiker bei seinem Wien-Debüt im Duo mit dem Jazzpianisten Brad Mehldau den Großen Saal im Konzerthaus im Sturm eroberte.

Das angestammte Terrain seines Instruments, Bluegrass und Folk, hat Thile längst in abenteuerlicher Weise erweitert, etwa mit seiner Band The Punch Brothers oder im Ensemble mit dem Cellisten Yo-Yo Ma (das gemeinsame Album „The Goat Rodeo Sessions“ erhielt 2013 einen Grammy).

Im Zwiegespräch mit Mehldau kannte Thile gar keine Stilgrenzen mehr – vom traditionellen Tanz „St. Anne’s Reel“ ging es direkt zu Charlie Parkers Bebop-Stück „Dexterity“, Bob Dylans „Don’t Think Twice“ erklang ebenso seelenvoll wie der Jazzstandard „I Cover the Waterfront“. Als Sänger überzeugte Thile mit einer schnörkellosen Darbietung, die oft an Chet Baker erinnerte.

An der Mandoline selbst ist wohl kein anderer Musiker derzeit zu so einer Bandbreite des Ausdrucks fähig wie Thile: Die rhythmische Nervosität des Funk, die Dynamik einer Rockgitarre, das lyrische Gespür von Jazzgitarren-Meistern wie Pat Metheny - all das scheint Thile, nebenbei auch ein exzellenter Showman, mit spielerischer Leichtigkeit in seinem Instrument zu vereinen.


Für Mehldau, selbst ein Star seines Genres, des erwies sich die straffe Form des Song-Materials als positive Herausforderung: Der große Romantiker des Jazzpianos war angehalten, konzis und erdig zu spielen – und löste die Aufgabe bravourös. Bei den Eigenkompositionen der beiden Musiker, die neben Stücken von Gillian Welch, Elliot Smith oder Fiona Apple am Programm standen, ließ sich eine Tendenz zu weiterer ausladenden Spannungsbögen abseits des Strophe-Refrain-Schemas erkennen. Doch nie drängte sich in diesem Konzert Eitelkeit oder ziellose Virtuosität in den Vordergrund - es spielten einfach zwei Könner im Dienste großer Musik. Ein wunderbarer Abend.

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