Der Avantgardekünst­ler mit dem Blechkübel

Das "Art Brut Center" in Gugging zeigt die Kunst des großen Außenseiters Gaston Chaissac, der Formen erfand und Kübel bemalte.

Die halb vermoderte Stalltür hatte Johann Feilacher selbst in einem Lager auf Gaston Chaissacs ehemaligem Bauernhof entdeckt. Der eigenbrötlerische französische Künstler, der sich 1948 in die ländliche Einöde nahe bei Nantes zurückgezogen hatte, hatte auf das alte Holz eine seiner typischen, dick konturierten Figuren gemalt, die später einmal vielen anderen Künstlern als Inspiration dienen sollten. Heute hängt das Werk in dem von Feilacher geleiteten Art Brut Center Gugging, das der vitalen Kunst Chaissacs bis 25. September eine umfassende Retrospektive ausrichtet. 

Im Bild: Gaston Chaissac, Ohne Titel, 1963,  Öl auf Holztür Gießkannen, Kübel, Harken, alte Blechdächer – alles konnte bei Chaissac zur Kunst werden. In seinen Skulpturen, Zeichnungen und Collagen zeigt sich ein unzähmbarer Wille zur Form, der sich auch nicht durch herrschende Geschmäcker beeinflussen ließ. 

Im Bild: Gaston Chaissac, Ohne Titel, 1954, Öl auf Eimer Der 1910 als Sohn einer Schusterfamilie Geborene beschloss mit 27 Jahren, sein Leben als Künstler fristen zu wollen – eine Ausbildung, entschied er außerdem, hatte er nicht nötig. 

Im Bild: Gaston Chaissac, Ohne Titel, 1943, Gouache auf Papier Tatsächlich zeichnet sich schon Chaissacs frühes Werk in der Gugginger Schau durch eigenständige Bildideen aus, wenn auch da und dort Echos von Picasso, Miró oder Kandinsky zu erkennen sind. „Er rezipierte die Einflüsse der 1930er-Jahre, aber er ließ sich nicht auf ein Vorbild ein“, sagt Feilacher, der durch Kontakte zu einem anonymen französischen Sammler das volle Spektrum des Werks zeigen kann. Die Arbeiten Chaissacs erzielen heute Auktionspreise von 200.000 Euro und mehr.

Im Bild: Gaston Chaissac, Ohne Titel, 1956, Öl auf Leinwand Besonders Jean Dubuffet, der die „Art Brut“ als Dachmarke für Kunst außerhalb des etablierten Betriebs begründete, war von Chaissac angetan. So sehr, dass er seine Chaissac-Sammlung später versteckte, um die Ähnlichkeiten zwischen seiner eigenen Kunst und jener des Kollegen nicht zu augenfällig werden zu lassen. 

Im Bild: Gaston Chaissac, Ohne Titel, 1946, Tusche auf Zeitungspapier In den 1960er-Jahren lösen sich die starken Umrisse in den Bildern allmählich auf. Chaissac, der entgegen der landläufigen Gleichsetzung von „Art Brut“ mit „Kunst von Geisteskranken“ nie wegen psychischer Leiden, sondern nur wegen Tuberkulose behandelt wurde, starb 1964, bevor die „große“ Kunstwelt auf ihn aufmerksam wurde. 

Im Bild: Gaston Chaissac, Ohne Titel, 1963, Tapete auf Zeitungs- und Packpapier
INFO 

„Gaston Chaissac.!“: bis 25. September, 
Art Brut Center, Am Campus 2, 3400 Maria Gugging.
Infos zu Anreise & Busverbindungen: www.gugging.org
(kurier) Erstellt am
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