Kultur
13.04.2018

David Schalko: Wiener Unterwelt mit Kamel und Hirschkäfer

Der Roman "Schwere Knochen": Die Namen sind falsch, aber es stimmt, dass sich nach 1945 eine „Partie“ die Stadt aufteilte.

Es zeichnet sich die nächste feine – feine? – Rolle für Nicholas Ofczarek ab.

Der Krutzler.

Mit sechs Kilo kam er auf die Welt, zwei Meter ist er groß, steifer Oberkörper, dicke Brille, schwere Knochen, kein schöner Mann, eher ein riesiger Hirschkäfer.

Ein Notwehrspezialist. Elf Mal gelang es ihm, Leute zu erstechen und freigesprochen zu werden. Beim zehnten Mal übertrieb er etwas ... mit einer Maschinenpistole.

Vor dem Heinzi

Autor und Regisseur David Schalko machte – mit Ofczareks (und Josef Haders) Unterstützung – Fernsehen zum Ereignis: „Braunschlag“, „Altes Geld“, „ Aufschneider“.

Jetzt hat er sich die Wiener Unterwelt angeschaut. Jene gleich nach dem Krieg: gut zwei Jahrzehnte vor der „goldenen Ära“, als Heinz Bachheimer Prostitution und Glücksspiel am Gürtel und im Prater kontrollierte.

Die kleinen Ganoven, die Wohnungen ausräumten, wurden in Mauthausen und Dachau inhaftiert. Danach waren sie Schwerverbrecher. Schalko drückt sich nicht, vom Überleben im KZ beim „süßen Geruch“ der Leichenberge zu erzählen.

Über die Große Galerie (= die alten hochrangigen Verbrecher) und die 1945 folgende Kleine Galerie hat er zwar recherchiert, aber nur zwecks Inspiration.

„Schwere Knochen“ ist üppig ausgefallen. Ruhig ist die Kameraführung sozusagen, wenig wird geschnitten.

Viele Kleinigkeiten, unterhalten mörderisch ... eine giftige MacMahon-Viper im Puff, das Krokodil am Brunnenmarkt, Pferdeabführmittel zum Frühstück. Im Kampf der „Partien“ um die Aufteilung Wiens lernt man den Geldscheißer-Franz kennen, den G’schwinden, den Zauberer, die Musch, das Kamel, den Bleichen.

Durchhänger gibt es.

Seltsamkeiten passieren.

Der Krutzler, der nach der Befreiung von Mauthausen nach Erdberg marschiert, freilich immer dasselbe Gewand trägt und sich nachts im Wald eingräbt, um nicht zu erfrieren ... er wird wohl kaum am Ziel in „sauberer Montur“ auftauchen.

David Schalko hat sich bei „Schwere Knochen“ alle Freiheiten genommen. Es ist ein Roman, in den Kriminalhistorisches gemischt wurde. Die Namen stimmen meist nicht.

Der echte Notwehrspezialist hieß Josef Krista. Als ihm das Gericht seine Nonstop-Version nicht mehr abkaufte, brachte er sich in der Zelle um.

Man braucht folglich nicht auf dem Zentralfriedhof das Grab vom Krutzler suchen, auf das ein Unterhöschen gelegt wurde. Außerdem, nur zur Erinnerung, er war kein Guter. Nicholas Ofczarek darf sich freuen.


David Schalko: „Schwere
Knochen
Kiepenheuer
& Witsch.
576 Seiten.
24,70 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern