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Pop
09/23/2018

David Guetta kann "gut verstehen, wie Avicii sich gefühlt hat"

Der Megastar der elektronischen Musik spricht über den Tod seines Freundes Avicii und die Zwänge und Ängste der Star-DJs

von Brigitte Schokarth

Lange musste man auf „7“, das neue Werk von David Guetta, warten. Jetzt ist es erschienen – als Doppelalbum. Auf einer Platte erklingen die für Guetta schon üblichen Pop-Hits, diesmal mit Gästen wie Sia und Justin Bieber. Die zweite Platte bietet dagegen eine Sammlung von Underground-Club-Songs, für die sich der 50-jährige Franzose Jack Back nennt.

Auch wenn er gut davon leben könnte, nur mehr Singles zu veröffentlichen, war Guetta das Album wichtig – als künstlerisches Statement, das für ihn ein Befreiungsschlag ist.

KURIER: Warum haben Sie bei „7“ die Club-Songs unter dem Pseudonym Jack Back veröffentlicht, obwohl durch das Format alle wissen, dass Sie hinter Jack Back stecken?

David Guetta: Das ist mein siebentes Album. Aber die Zahl ist auch ein Symbol: Es gibt sieben Tage in der Woche, sieben für die Schöpfung. Für mich schließt sich mit „7“ ein Kreis. Wenn du als Künstler anfängst, verspürst du nichts als positive Energie und Leidenschaft. Aber dann wirst du erfolgreich und bekommst Angst, weil du an der Spitze bist und nicht weiter kommen kannst. Ich habe diese Ängste jetzt abgelegt, bin mit Jack Back zu meinen Wurzeln zurückgegangen. Ich habe immer noch große Pop-Hits, aber auch wieder etwas in dem Stil, mit dem ich voll Enthusiasmus begonnen habe.

Warum wollten Sie dann nicht nur ein Jack-Back-Album aufnehmen? Gibt es Druck, am laufenden Band Pop-Hits zu produzieren?

Oh ja, ich stand jahrelang unter diesem Druck. Aber dieses Album ist dazu da, mich davon zu befreien. Ich nehme mir den Luxus, das zu tun, was mir Spaß macht. Einige dieser Songs werden keine Hits sein. Aber das ist okay, denn wenn man nur den Hits nachrennt, ist es nicht mehr spannend. Und man weiß sowieso nie, was ein Hit wird. Die meisten sind ohnehin glückliche Zufälle. „Titanium“ war nur die fünfte Single, weil wir nicht daran glaubten. Aber das ist einer meiner größten Hits. Und so habe ich schließlich angefangen: Etwas, das ich aus Spaß gemacht habe, wurde ein Hit. Damals habe ich nicht gedacht, ich muss einen Hit haben. Nein, es muss kein Hit sein, es muss zunächst einmal Spaß machen.

Was hat Sie dazu gebracht, immer nur an Hits zu denken?

Einerseits natürlich die Industrie. Du bist eine Cashcow, jeder um dich herum macht mit dir Geld: Plattenfirma, Manager, die Agentur, die deine Auftritte bucht. Das ist eine große Verantwortung. Und dann auch ich selbst. Denn Erfolg macht süchtig! Das Gefühl, wenn du einen Riesenhit hast, den bei einem Auftritt spielst, und alle singen mit und spielen verrückt, ist so ein Ego-Booster, dass es extrem schnell süchtig macht. Und dann bekommst du natürlich Angst, das zu verlieren.

Wie haben Sie es geschafft, die se Ängste abzulegen?

Ich weiß gar nicht so genau, was da mit mir passiert ist. Aber das hängt schon stark mit dem Drama um Aviciis Freitod zusammen. Das hat mich sehr betroffen gemacht. Denn ich kann so gut verstehen, wie er sich gefühlt hat. Und ich wollte nicht auch so weit kommen wie er. Also dachte ich, ich muss reagieren und aus dieser Routine rauskommen, die mich überhaupt nicht glücklich macht, weil ich mich wie eine Hitmaschine fühle, die ihre ganze Zeit anderen gibt und nicht sich selbst.

Wussten Sie, dass Avicii depressiv war?

Natürlich, ich habe ihn sehr gut gekannt und da ist mir das natürlich aufgefallen. Gleichzeitig hatte er aber auch sehr viele fröhliche Tage. Aber ich habe schon gesehen, dass er sich selbst stark unter Druck setzt und zu viel von sich fordert. Aber gut, das machen wir ja ohnehin alle. Jeder, der in unserer Industrie auf dem Top-Level mitspielt, macht das. Aber das, was mit ihm passiert ist, hat viele von uns nachdenklich gemacht.

Wodurch sind Sie besser als Avicii dafür ausgerüstet, mit diesem Druck umzugehen?

Ich weiß gar nicht, ob ich das bin. Vielleicht habe ich schon mehr Erfahrung. Und ich habe auch endlich gelernt, „Nein“ zu sagen. Wenn man auf unserem Level arbeitet, dann ist da ständig jemand, der dir sagt: „Das musst du machen, es gibt keinen anderen Weg!“ Ich sage jetzt: „Na ja, du musst einen anderen Weg finden, weil ich werde es nicht machen.“ Aber das habe ich auch erst in den letzten beiden Jahren gelernt. Früher ging es nur: „Mach das!“ Und ich: „Ja, gut, okay!“ Aber irgendwann hat das Auswirkungen auf deinen Körper. Und wenn der nicht mehr damit umgehen kann, kommen die geistigen und seelischen Probleme.

Können Sie sich vorstellen, irgendwann einmal nur mehr Jack Back zu sein?

Na ja, ich denke, da würde mir etwas fehlen. Denn die Herausforderung, als Produzent Pop zu komponieren, ist viel größer als die, Tanzmusik zu machen. Bei Untergroundmusik geht es nur um den Groove, das fällt mir viel leichter. Bei Pop geht es um Melodie und die Emotion. Das ist das Schwerste, auch wenn es nicht so aussieht. Aber ich mag diese Herausforderung und brauche beides in meinem Leben.

Mit welchen Pop-Künstlern, mit denen Sie noch nicht gearbeitet haben, würden Sie gerne etwas machen?

Mit Adele. Ich bin ein großer Fan. Und auch mit Ed Sheeran. Mit Ann-Marie, die mit Ed Sheeran befreundet ist und gerade mit ihm auf Tour war, habe ich den Song „Don’t Leave Me Alone“ gemacht. Ich sehe all diese Künstler in einer Reihe. Sie spielen Pop, der aber nicht so formelhaft ist und hohe Qualität hat.

Waren Sie schon mal in Österreich zum Skifahren?

Nein. Aber ich würde gern, denn ich liebe Skifahren und habe gehört, dass ihr wunderbare Skigebiete habt.

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