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Kultur
03/11/2019

Dave Matthews: „Die Band fühlt sich gut wie noch nie“

Der KURIER sprach mit dem Sänger über das Comeback seiner legendär spielfreudigen Band.

„Jedes Publikum ist anders, doch du weißt immer, wenn Amerikaner im Saal sind – sie brüllen die ganze Zeit“, sagt Dave Matthews mit einem Lachen. „In Wien oder in Prag habe ich immer das Gefühl, dass die Leute wirklich aufmerksam zuhören. Wenn sich die Band mit ihrem Zusammenspiel gut fühlt – und das tut sie derzeit – dann rufe ich meinen Manager an und frage ihn, ob wir in Europa touren können.“

Die Dave Matthews Band, kurz DMB, gilt gemeinhin als ein US-amerikanisches Spezifikum: Mit intensiven Live-Shows, in denen ihre zwischen Funk, Folk, Jazz und Rock changierenden Songs oft in 20-minütige Improvisationen ausufern, wurde die Band seit ihrem Start in den frühen 1990ern zum Massenphänomen. Kaum ein Top-10-Ranking der bestverdienenden Live-Acts kam eine Weile ohne die Gruppe aus Charlottesville, Virginia aus. Doch die gefüllten Stadien lagen in den Vereinigten Staaten, in Europa gab es nur eine vergleichsweise kleine Fangemeinde.

Es kam dann aber eine Zeit, in dem „alles ein wenig stagnierte“, wie Matthews im KURIER-Gespräch am Telefon zugibt. „Niemand von uns wollte das, aber es gab so ein Gefühl, dass sich die Dinge einfach nur wiederholten.“

Eine neue alte Band

Der überraschende Tod von Saxofonist LeRoi Moore 2008 hatte die Band bereits einmal in eine Krise gestürzt. Im Mai 2018 feuerte Matthews schließlich den Geiger Boyd Tinsley, der im Zuge der #MeToo-Bewegung mit Vorwürfen der sexuellen Belästigung konfrontiert war.„Nachdem ich Boyd gebeten hatte zu gehen, brachten wir den Keyboarder Buddy Strong in die Band“, erzählt Matthews. „Und es fühlte sich so an, als wären bei jedem die Ohren wieder aufgewacht. Nicht dass wir zuvor nicht auch aufeinander achtgegeben hätten. Aber nun fühlt es sich an, als würde jeder von uns die ganze Zeit jedem anderen voll konzentriert zuhören. Das ergibt ein Spielgefühl, das sich eigentlich mit nichts von dem, was zuvor war, vergleichen lässt. Ich frage mich auf der Bühne manchmal: ,Wie bin ich hier her gekommen, was tue ich hier?’ Ich bin im Moment, fühle mich aber gleichzeitig auch so, als würde ich über der Szenerie schweben.“

Die Spielfreude und Spontaneität ist letztlich auch das zentrale Element, das Fans an der DMB begeistert. „Unsere Intention, musikalische Freiheit zu ermöglichen, ist nach wie vor dieselbe“, sagt Matthews. „Natürlich sind wir nicht komplett Avantgarde – wir errichten sozusagen ein paar Wände, und dann springen wir darin herum.“ Besonders mit Drummer Carter Beauford fühlt sich Matthews dabei seelenverwandt: „Es gibt Momente, da brauchen wir uns nur anzusehen, und er weiß genau, was ich denke“, sagt er. „Er spielt Dinge mit, die ich nie zuvor gespielt habe und die er gar nicht kennen kann. Diese Verbindung, wenn zwei Musiker sich wirklich kennen, ist mit Worten nicht zu beschreiben.“

Dass es eine Herausforderung ist, die Spontaneität auch in Studio-Aufnahmen zu erfassen, gibt Matthews unumwunden zu. Das Album „Come Tomorrow“, das 2018 erschien, war das erste DMB-Studioalbum nach einer sechsjährigen Pause. Und Matthews selbst ist nicht 100-prozentig zufrieden: „Ich habe bei dieser Platte viel über Dynamik nachgedacht und über die Möglichkeiten, laut und leise zu sein. In dieser Hinsicht habe ich wohl reüssiert. Doch nach so einer Platte denke ich: Auf der nächsten muss viel mehr Instrumentalmusik und Improvisation dabei sein. Es ist schwierig, einen Moment in etwas zu verwandeln, das in gewisser Weise ewig bleibt.“ Die Momente auf der Bühne wird es aber wohl geben, so lange DMB auftreten.