Kultur
07.12.2011

Das goldene Notizbuch - von Doris Lessing

Die Literaturnobelpreisträgerin lieferte mit dem Roman ungewollt das literarische Gegenstück zu Simone de Beauvoirs "Das andere Geschlecht".

Doris Lessing, die große, 1919 geborene Old Lady der britischen Literatur, hat über 30 Romane veröffentlicht. "Das goldene Notizbuch" ist vielleicht ihr bestes, sicher aber ihr bekanntestes Buch: ein komplexes, verwirrendes und eindringliches Opus Magnus. Der Roman erschien 1962 und brauchte 16 Jahre, um ins Deutsche übertragen zu werden. Als es dann 1978 so weit war, verwandelte sich die Autorin in eine Kultfigur der Frauenbewegung. Nie zuvor war das Leben, Denken und Fühlen einer Frau so facettenreich und tief, so klug und berührend geschildert worden. Nach Simone de Beauvoirs Sachbuch "Das andere Geschlecht" folgte nun endlich auf die Theorie ein Stück große Literatur. Doris Lessing hat sich gegen diese Vereinnahmung stets gewehrt - "dieser Roman war keine Posaune für Woman`s Liberation", schreibt sie im später hinzugefügten Vorwort zum "Goldenen Notizbuch".

Mag man ihr Abneigung gegen ein solches Etikett zugestehen, so bleibt die Wirkung des Romans. Und schon die Rahmenhandlung trägt ja nicht zufällig den Titel: "Free Women". In diesem Rahmen - "einem konventionellen, kurzen Roman, der für sich alleine stehen könnte", wie Lessing selbst erklärt, wird von zwei Frauen erzählt: Molly Jacobs und Anna Wulf. Sie leben im London der 1950er-Jahre - Molly als Schauspielerin im Theater, Anna als Schriftstellerin. In diese Erzählung streut Doris Lessing vier Notizbücher ein, die Anna führt, um sich über sich selbst klar zu werden und ihre Schreibblockade zu überwinden. Jedes Buch trägt eine andere Farbe - und einen anderen Inhalt: Das schwarze Buch wird mit Annas Erinnerung an ihr früheres Leben in Afrika gefüllt, im rot eingebundenen beschreibt sie ihre politischen, am Kommunismus geschulten Erfahrungen, das gelbe ist Notizbuch für Annas neuen Roman über eine Journalistin, und im blauen Buch schließlich befasst sie sich mit ihrem aktuellen Leben und dem Tagesgeschehen. Anna Wulf nutzt nicht eines, sondern diese vier Tagebücher, weil sie, " ... wie sie erkennt, die Dinge voneinander getrennt halten muß, aus Furcht vor dem Chaos, vor Formlosigkeit - vor dem Zusammenbruch." Nach Jahren der Betrachtung gelingt es Anna, mit Hilfe ihres Geliebten Saul Green, ihre innere Krise zu überwinden: Eine Synthese dieser vier Leben wird möglich, so dass Anna das "goldene Notizbuch" beginnen kann.

Doris Lessing gelang ein großartiger Wurf. Durch die sorgfältige Verschachtelung der Textteile entsteht - einem Puzzle gleich - die Lebenslandschaft von Anna Wulf. Atemberaubend sind die intimen Schilderungen ihres Liebeslebens, ihrer politischen Entwicklung oder die Skizzen aus Annas Aufenthalt in Afrika - hier wird am ehesten der autobiografische Bezug deutlich. Denn Doris Lessing lebte selbst - als Tochter eines Offiziers - bis 1949 in den britischen Kolonien. Erst als 30-Jährige, nach zwei Scheidungen, emigrierte sie mit ihrem Sohn nach England. Und veröffentlichte schon im nächsten Jahr ihren ersten Roman: "Afrikanische Tragödie". Bis heute lebt und arbeitet die über 90 Jahre alte Doris Lessing in London Hampstead, eine Legende, die 2007 mit dem Nobelpreis für Literatur gekrönt wurde. In ihrer Rede zu dessen Verleihung sagte sie: "Geschichtenerzähler hat es immer gegeben, das reicht zurück bis hin zu einer Lichtung im Wald, auf der ein großes Feuer brennt und die alten Schamanen tanzen und singen, denn was wir an Geschichten ererbt haben, begann mit Feuer, mit Zauber, der Geisterwelt." Auch Doris Lessing wurde immer wieder angeglüht vom schamanischen Feuer.