Das Burgtheater sei, sagte Martin Kušej im Jahr 2006 enttäuscht, „nicht der absolute Traumjob“. Aber nun hat er ihn.

© APA/HANS KLAUS TECHT

Kultur
09/08/2019

Das Burgtheater sei nicht der absolute Traumjob. Sagte Kušej.

Trenklers Tratsch: Die erste Saison von Burgtheaterdirektor Martin Kušej beginnt demnächst – mit der Rückkehr eines Gottes.

von Thomas Trenkler

Wir hätten uns wirklich einiges erspart, wenn ...

Doch Halt! Damit es nach der bizarren Botschaft von Christiane Hörbiger – „Wie waren wir denn froh und glücklich, als Sie Kanzler geworden sind. (...) Ich hoffe so von Herzen, Sebastian Kurz, dass Sie triumphal zurückkommen werden“ – nicht zu Missverständnissen kommt: Unter „wir“ sind all jene zu verstehen, die mit dem Burgtheater mitzittern.

Also, wir hätten uns einiges erspart, wenn Franz Morak, einst Burgtheaterschauspieler, im Juni 2006 als Kunststaatssekretär der ÖVP nicht vom Ehrgeizgetrieben gewesen wäre, den Nachfolger von Burgtheaterdirektor Klaus Bachler designieren zu müssen. Denn dann wäre nicht Matthias Hartmann für die Zeit ab dem September 2009 bestellt worden. Und das Burgtheater wäre in der Folge vielleicht nicht in die größte Krise geschlittert. (Ob Thomas Drozda, Bundesgeschäftsführer der SPÖ, als kaufmännischer Leiter des Burgtheaters bis zum Sommer 2008 den Grundstein für das Finanzdebakel gelegt haben könnte, untersucht gerade der Rechnungshof.)

Dass Morak damals voreilig gehandelt hat, bestätigte Hartmann unmittelbar nach seiner Bestellung: Gegenüber der APA sagte der Theaterhandlungsreisende, der erst kurz zuvor seine Zelte in Zürich aufgeschlagen hatte, dass man in Wien etwas entscheiden wollte, für das man sich durchaus noch ein Jahr Zeit lassen hätte können.

Diese Zeit hatte aber Morak nicht: Bereits ein halbes Jahr später, im Jänner 2007, war er als Kunststaatssekretär Geschichte. Und ob Claudia Schmied, SPÖ-Kulturministerin ab dem März 2007, Matthias Hartmann berufen hätte? Wohl kaum. Die Chancen wären eindeutig besser gestanden für Martin Kušej.

„Mit Erstaunen und Entsetzen"

Der Kärntner Slowene, Jahrgang 1961, hatte das Regie-Handwerk in den frühen 80er-Jahren in Graz erlernt. Auf der Germanistik fiel der wilde Mann mit seinem langen Mantel auf. Und sehr früh begann seine Zusammenarbeit mit dem gleichaltrigen Bühnenbildner Martin Zehetgruber, einem Steirer, der von Anfang an massive Räume und übermannshohe Skulpturen ersann. Mitunter fragte man sich, ob Kušejs Inszenierungen nur deshalb so theaterprankenwuchtig waren, weil Zehetgruber ihm die Basis dafür geliefert hatte.

Schon bald eilte Kušej, von 1993 bis 2000 Regisseur am Staatstheater Stuttgart, der zweifelhafte Ruf voraus, ein Schwieriger zu sein. Im Mai 2003 stellte der Betriebsrat der Salzburger Festspiele „mit Erstaunen und Entsetzen“ fest, dass der Wolfsberger ab 2005 für zwei Jahre als Schauspielchef fungieren sollte – und protestierte.

Andererseits konnte Kušej jede Menge Erfolge für sich verbuchen. So galt er bereits damals, 2006, als Favorit für die Burg. Dass die Sache anders lief, wurmte ihn – und er zog sich aus Österreich zurück: „Ich weiß nicht, was ich hier noch soll.“ Er hätte, sagte er, durchaus seine Ideen zum Burgtheater gehabt. „Aber darüber hätte man sich einfach unterhalten sollen. Das alles hat nicht stattgefunden. Ich will auf keinen Fall, dass das jetzt aussieht wie verletzte Eitelkeit. Mir hat einfach der Vorgang gestunken.“ Und: Das Burgtheater sei „nicht der absolute Traumjob“.

"Unfassbare Perspektivelosigkeit"

Drei Jahre später, im Juli 2009, konstatierte er in Interviews u.a. mit der Kleinen Zeitung und dem Spiegel eine „unfassbare Perspektivelosigkeit, was die Kulturpolitik betrifft“: Er beobachte „seit Jahren einen eklatanten Mangel an klaren Konzepten für die großen Aushängeschilder wie Staatsoper, Burgtheater, Salzburger Festspiele, Wiener Festwochen und ihre Rolle im 21. Jahrhundert. Alles wurde neu besetzt – überall Pfusch und Mittelmaß.“ Salzburg sehe er gar von einem „Abstieg ins künstlerische und ästhetische Nichts“ bedroht.

Doch längst ist dort die Ära Alexander Pereira vorbei. Hartmann gibt es schon seit dem März 2014 nicht mehr (die Scherben kehrte dann Karin Bergmann auf). Selbst die Zeit von Dominique Meyer an der Staatsoper läuft demnächst aus.

Und nun leitet Kušej, der in Wien, wie er behauptete, gar nichts werden wollte und „schon gar nicht Burgtheaterdirektor“, nach acht Jahren als anfangs umstrittener Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels – die Burg! Bestellt übrigens von Thomas Drozda als Kulturminister.

Erstaunlich ist, dass Kušej manches von dem, was er 2009 sagte, auch heute sagen könnte. Er ortete damals z.B. eine „atemberaubende, unkaschierte Rechtslastigkeit“, das Niveau sinke „in allen Bereichen, in der Sozialpolitik, im ORF, in der Bildung, alles wird flächendeckend heruntergeschraubt: Wie soll es auch anders sein beim Niveau unserer Politiker?“

"Ungezügelte Gewaltausübung"

Und nun, ein Jahrzehnt später, gibt Kušej die Antwort: Er startet am Donnerstag, 17 Tage vor der Nationalratswahl, mit „Die Bakchen“ von Euripides. In der Vorschau heißt es: „Dionysos, der ,kommende Gott‘, dessen Rückkehr Euripides beschreibt, verspricht Gemeinschaft und Identität, Orientierung und Gefolgschaft – mithin die Befreiung von individueller Verantwortung und moralischen Fesseln und die Lizenz zu ungezügelter Gewaltausübung gegen seine Gegner.“

„Die Bakchen“ seien eine Studie „über den Einbruch des Irrationalen in eine säkulare Gesellschaft und rühren mit der Wucht antiker Dramatik an eine der Grundfragen unserer Zeit“. Wir hoffen also von Herzen, dass Ulrich Rasche eine triumphale Inszenierung gelingen möge.