Kultur
05.10.2018

Claudia Michelsen: "Man muss die Täler im Leben durchlaufen"

Schauspielerin Claudia Michelsen über ihren neuen Film "Angst in meinem Kopf", Lebenskrisen und Liebesbeziehungen.

KURIER: Sie spielen die Hauptrolle der Sonja Brunner im ARD-Film „Die Angst im Kopf“, der in weiten Teilen in einer Justizvollzugsanstalt (JVA) spielt. Könnten Sie sich selber auch vorstellen, in einem Gefängnis zu arbeiten?

Claudia Michelsen: Nein, das könnte ich mir nicht vorstellen. Aber ich habe sehr großen Respekt vor der Arbeit und dem sozialen Engagement der Justizvollzugsbeamten.

War es eigentlich schwierig für Sie, in einem Gefängnis zu drehen? Unter Klaustrophobie darf man sicher nicht gerade leiden.“

Schwierig war das nicht, weil wir in einem stillgelegten Trakt auf dem gleichen Gelände drehen konnten, wo wir durch Mitarbeiter, die uns mit Rat und Tat zur Seite standen, eine großartige Unterstützung hatten. Trotzdem war es natürlich merkwürdig, so nebenan einen Film zu drehen, morgens am Tor den Ausweis abzugeben und reinzufahren und abends wieder rauszufahren. Das war schon bizarr. Andererseits ist es unsere Arbeit. Wir sind Geschichtenerzähler.

Streng genommen führen die JVA-Mitarbeiter fast das gleiche Leben wie die Inhaftierten, nur dass die JVA-Mitarbeiter abends wieder raus dürfen?

Ganz so ist es nicht, die JVA Mitarbeiter haben jegliche Möglichkeiten des sozialen Umgangs, wann immer und wie sie wollen. Letzten Endes ist es eine Arbeit, zu der man morgens hingeht und abends wieder nachhause kann. Ursprünglich hatte der Film den Arbeitstitel „Gefangen“, weil Sonja Brunner im Laufe der Geschichte mehr und mehr selbst zu einer Gefangenen wird. Irgendwann wird sie nur noch von der Angst regiert, und in diesem Moment hast du verloren. Sie ist nicht mehr in der Lage, frei zu agieren. Ob sie drinnen oder draußen ist, macht bei dieser Figur fast keinen Unterschied mehr.

Was macht Ihnen selber im Leben Angst?

Im Moment machen mir politische Entwicklungen Angst, die Wucht, mit welcher das gerade auf uns zurollt, Achtlosigkeit, Dummheit und Unwissen. Umso wachsamer müssen wir sein und in Bewegung bleibend laut werden. Aber auch, was unsere Umwelt betrifft, ist es überfällig, für jeden Einzelnen zu tun, was wir im Kleinen jeden Tag tun können. Trotzdem ist Angst kein guter Begleiter, auch wenn sie zum Teil eine wichtige Funktion hat, weil sie uns auch schützen kann vor Gefahren. Ansonsten bin ich eigentlich ein ziemlich angstfreier Mensch. Solange wir gesund sind, ist alles andere irgendwie regelbar.

Und wie gehen Sie im Leben mit schwierigen Situationen um?

Das ist sehr unterschiedlich. Manchmal habe ich die Kraft, damit leichter umzugehen, wieder aufzustehen und weiterzumachen. Und manchmal habe ich weniger Kraft. Das Leben ist ein ständiges Auf und Ab. Man muss die Täler einfach durchlaufen, dann geht’s irgendwann auch wieder aufwärts.

Würden Sie sich selber auch als mutig bezeichnen?

Ja, das würde ich schon. Obwohl ich finde, dass da immer noch Luft nach oben ist.

Haben Sie sich im Leben auch schon mal ausgeliefert gefühlt? Oder versuchen Sie möglichst immer die Fäden in der Hand zu behalten?

Ich versuche schon die Fäden in der Hand zu behalten. Das hat natürlich auch viel mit der Verantwortung meinen Kindern gegenüber zu tun. Aber ich habe mich im Leben auch schon ausgeliefert gefühlt, das gab es. Ich finde, das gehört auch dazu, so was passiert einfach, man wächst auch dadurch. In Arbeitssituationen gebe ich manchmal aber auch ganz gerne die Fäden aus der Hand und lasse es laufen, aber natürlich nur, wenn das Vertrauen da ist. Denn es ist großartig, Leute um mich zu haben, denen ich absolut vertrauen kann.

Sie spielen sehr unterschiedliche Rollen. Oft auch solche, die sehr belastend wirken. Wie schaffen Sie es sich davon nicht runterziehen zu lassen?

Ich weiß gar nicht, ob Figuren es schaffen, etwas mit mir zu machen oder mich runterzuziehen. Für mich hat dieser Beruf viel mit Handwerk zu tun. Man sollte wissen, was und wie man etwas erzählen möchte. Und je unterschiedlicher die Figuren sind, desto besser, jedenfalls im Moment.

Ist das Ihr Antrieb?

Mein Antrieb ist die Neugier. Wie weit kann ich gehen? Wie mutig darf ich sein? Und dann kommt es natürlich immer auch auf die Partner an. „Angst ins meinem Kopf“ war ein Glücksfall.

Mögen Sie es nicht, sich in der Arbeit zu wiederholen?

Nein, ich versuche das zu vermeiden, sonst langweile ich mich. Doreen Brasch im Polizeiruf ist eine Ausnahme, sie ist eine Freundin, mit der ich gern noch eine Weile Zeit verbringen möchte. Das ist ein Luxus und macht aber auch großen Spaß. Hier sind die eigentlichen Hauptfiguren oft die Episodenfiguren, in denen Doreen sich spiegeln kann. Ich empfinde uns beide als Gastgeber. Brasch hat ständig ein neues Gegenüber, herrlich ist das, da kann sich die Neugier auch austoben. Unabhängig davon fange ich jetzt an, einen Sechsteiler mit Kai Wessel zu drehen, eine Familiengeschichte mit dem Titel „Die verlorene Tochter“ fürs ZDF. Ein tolles Ensemblestück, also wieder etwas ganz anderes.

Um wieder auf Ihren neuen Film „Angst in meinem Kopf“ zurückzukommen, dort fällt es Sonja Brunner schwer im richtigen Moment, Nein zu sagen. Wie ist das bei Ihnen, können Sie gut Nein sagen?

Das kommt darauf an. Bei bestimmten Dingen kann ich gut Nein sagen und bei anderen eher nicht, da bin ich schwach, das hängt ja auch vom Gegenüber ab.

Fürchten Sie sich auch vor Abhängigkeiten? Sind Sie ein Freigeist?

Ja, auf jeden Fall frei sein im Denken und Handeln ist essenziell.

Im Film spielt Geld eine große Rolle. Wie wichtig ist Ihnen persönlich Geld?

Ich finde Geld insofern wichtig, als dass es mich versorgt und ich mir damit bestimmte Freiheiten leisten kann. Ideal wäre es so viel Geld zu haben, wie man tatsächlich braucht, damit man nicht mehr darüber nachdenken müsste.

Im Film erzählt Sonja ihrem Mann nicht alles. Sollte man sich Ihrer Meinung nach in einer Partnerschaft immer alles sagen, oder darf man auch Geheimnisse vor dem Partner haben?

Nein, ich finde Offenheit ist eine Grundbedingung. Man muss sich sicherlich nicht alles sagen, aber ehrlich sollte es sein.

Im Film ist Sonja die beruflich Erfolgreichere. Ist es tatsächlich auch heute noch ein Problem, wenn die Frau mehr verdient?

Ich glaube, das wird überbewertet, aber ich weiß nicht, inwieweit das für Männer ein Problem ist. Das wäre aus meiner Sicht eher zu hinterfragen. Aber ich bin auch nicht in solch einer Situation. Trotzdem denke ich, dass es letztendlich nicht so wichtig ist, wer in einer Beziehung mehr verdient. Liebe kann viel.

Die Liebe wird natürlich gelegentlich auch auf die Probe gestellt.

Natürlich. Aber da hat sich inzwischen so viel verändert. Heutzutage bleiben auch Männer zuhause und kümmern sich um die Familie. Ich denke, weder Frauen noch Männer haben bisher den goldenen Weg gefunden, wir sind nach wie vor auf der Suche. Für mich muss ein Mann nicht mehr verdienen oder der Ernährer oder Jäger sein. Auf der anderen Seite ist es ganz wunderbar, wenn man jemanden an seiner Seite hat, der Verantwortung übernimmt. Sehen Sie, auch ich habe nicht das Rezept, wie es am besten für den Einzelnen ist, so dass Mann, Frau und Kind glücklich sein können.

Sonja lebt in einer Patchwork-Familie mit der Tochter ihres Lebensgefährten. Keine leichte Situation für alle Beteiligten.

Wenn man als „Ziehmutter“ nicht geliebt und respektiert wird, ist das sicher sehr verletzend und tut weh. In so einer Situation versucht man vermutlich alles Mögliche, um anerkannt zu werden.

Apropos Anerkennung: Woher nehmen Sie Ihre Lebensfreude?

Aus meinen Kindern und aus der Liebe. Ich bin jeden Tag froh, dass ich da sein darf. Und oft sind es die kleine Dinge, die mich auch glücklich machen. Man kann sehr viel Lebensfreude entdecken, wenn man das Glück im Kleinen sucht.

"Angst in meinem Kopf" läuft am Mittwoch, 10. Oktober, um 20.15 Uhr in der ARD.

Claudia Böhm