Christoph Hein: "Europa wird sich heftig verändern"

Ein Mann mit Brille und grauem Haar spricht vor einem dunklen Hintergrund.
Der frühere DDR-Schriftsteller ist Star des Festivals "Literatur im Nebel" im Waldviertel.

Zum zehnten Mal erweist das Festival " Literatur im Nebel" in Heidenreichstein einem Ehrengast seine Reverenz, diesmal dem deutschen Autor Christoph Hein. Am Freitagabend startete die zweitägige Veranstaltung in der wieder voll besetzten Margithalle.

"Verdammtes Nest"

"Kann mir jemand sagen, in welchem verdammten Nest wir hier gelandet sind?" Mit dieser scheinbar uncharmanten Eingangsfrage verblüffte Thomas Thieme nur kurz, denn sie stammt aus der 1979 entstandenen und von Thieme, Elisabeth Orth und Julia von Sell auszugsweise noch vor dem Begrüßungsreigen vorgetragenen Revue "Die Geschäfte des Herrn John D." - ein passender Einstieg für einen Schriftsteller, der seine Erzählungen gerne mit lakonischem Humor würzt.

So unter anderem auch in der von Bettina Hering und Florian Teichtmeister gelesenen Novelle "Der fremde Freund / Drachenblut" aus dem Jahr 1982. Als weitere Rezitatoren des Eröffnungsabends fungierten u.a. auch Schriftstellerkollege Felix Mitterer und der designierte Intendant der Wiener Festwochen, Tomas Zierhofer-Kin.

"Wenn wir das Frühwerk sprechen lassen, kann auch der Sohn ein paar Worte sagen", interpretierte Jakob Hein die mögliche Motivation der Veranstalter, ihn einzuladen, um über seinen Vater zu sprechen. Der Autor und Psychiater lieferte einen launigen "Gruß aus der Küche", erläuterte sein Problem, sich über die Tragödie seiner Kindheit zu äußern ("Ich habe sie nicht erlebt") und empfahl im übrigen sarkastisch die Befassung von Experten mit ihrer "von Sachkenntnis befreiten Urteilsfreude".

Bürgerrechtler

Ein Mann mit Brille, dessen Gesicht im Schatten liegt, denkt nach.
Christoph Hein ist der diesjährige Stargast in Heidenreichstein.
Christoph Hein, 1944 im Gebiet der späteren DDR geboren, prononcierter Bürgerrechtler und kritischer Beobachter des politischen Geschehens auch nach der Wende, kam dann ausführlich im Gespräch mit dem Soziologen Hartmut Rosa ("Beschleunigung und Entfremdung") zu Wort. Den gemeinsamen Nenner zwischen Schreiben und Soziologie sieht er in der Aufgabe, "genau hinzuschauen" aus randständiger Position, die den scharfen Blick von außen ermögliche. Das Buch, das ein Leser liest, sei jedoch immer ein anderes Buch, als der Autor geschrieben habe. "Der Stoff ist der Autor selbst", lautet der Titel eines Essaybandes (1982), in dem Hein postulierte: "Kultur stirbt mit jeder Beschränkung." Und: "Eingeschränkte Öffentlichkeit ist keine Öffentlichkeit."

"Chinatown" in Europa

Angesprochen auf die aktuelle Flüchtlingsproblematik, meinte Hein, Europa werde sich in den nächsten Jahrzehnten "heftig verändern". Er sieht anstelle von Integration eher ein "Chinatown"-Modell als Option für künftige Koexistenz. Beim Phänomen der Ausgrenzung hegt er keine Illusionen: Es werde sich nichts ändern, denn die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung hasse Veränderungen. Doch ebendiese Veränderungen - auch im sich wandelnden Verständnis von Öffentlichkeit und Privatheit - seien für Schriftsteller ein "gefundenes Fressen", so Hein. Er hoffe auf eine Welt, in der man leben könne, ohne überleben zu müssen. Das Vertrauen in "Nie wieder Krieg" habe er allerdings verloren.

"Nach mir die Sintflut"

Dem entspricht auch ein Hein-Zitat aus dem Jahr 2009, das sich auf dem Programmzettel findet: "Nach mir die Sintflut, heißt unser Glaubenssatz, lautet das Gesetz, dem wir folgen, und wie es scheint, kommt diese nun auch."

Im Heidenreichsteiner Literaturwäldchen wird Christoph Hein einen Apfelbaum pflanzen, wie Moderatorin Andrea Schurian verriet. Und Rudolf Scholten, Spiritus rector der Veranstaltung, versprach, den Enthusiasmus der ersten zehn Jahre bei " Literatur im Nebel" beizubehalten.

INFO: " Literatur im Nebel", Heidenreichstein, Margithalle, 16. (ab 17.00 Uhr) und 17.10., Kartenvorverkauf in den Raiffeisenbanken NÖ und Wien sowie online auf www.literaturimnebel.at und Ö-Ticket.

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