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Kultur
08/04/2012

China: Tasten zum Erfolg

40 Millionen Chinesen lernen Klavier spielen, weil es voll im Trend liegt. Tausende davon träumen auch von einer Pianisten-Karriere.

Klein Betty sitzt tapfer am Klavier. Für das Kinderkonzert wurde die Vierjährige von ihrer Mutter herausgeputzt: Blau-weiß gepunktetes Kleid, die schwarzen Haare sind zu Zöpfen gebunden. „Ich finde, dass es sehr anmutig ist, wenn ein Mädchen Klavier spielt", erzählt Bettys Mutter. „Es ist so würdevoll." Deswegen ist sie bereit, für den Musikunterricht der Tochter jährlich mehr als 1000 Euro zu bezahlen. Denn in Chinas Mittelschicht gilt das Instrument als ausgesprochen chic.

So wie Betty lernen derzeit rund 40 Millionen Chinesen Klavier zu spielen. Die meisten spielen zu Hause, nur zum Spaß. Doch wer eine professionelle Karriere als Pianist anstrebt, muss sich in China früh anstrengen. Denn die staatliche Ausbildung beginnt bereits im Kindesalter.

Strenge Auslese

Etwa 1500 Schüler besuchen die zentrale Musikschule im Süden Pekings. Hier lernen die Besten der Besten. Auch Starpianist Lang Lang wurde an der Kaderschmiede unterrichtet. Um aufgenommen zu werden, müssen die Kinder eine harte Aufnahmeprüfung bestehen. Jedes Jahr konkurrieren Tausende Achtjährige um die paar Dutzend Plätze. Monatelang bereiten sie sich vor.

„Es war eine ziemlich anstrengende Zeit, ich habe nur geübt, vier Monate lang", erzählt der zwölf Jahre alte Lu Xingyu, der sich vor vier Jahren beweisen musste: „Mein Vater sagte damals, wenn du die Prüfung nicht schaffst, wirst du nie mehr spielen. Naja, aber dann wurde ich angenommen und ich war wahnsinnig froh. Ich dachte, ja, jetzt liegt eine glückliche Zukunft vor mir."

Wie so viele Kinder in China hat Lu Xingyu schon mit vier Jahren das Klavierspielen gelernt. Seit Jahren probt der Zwölfjährige sechs bis acht Stunden pro Tag. „Es ist zu spät, wenn man an die Universität kommt und die Finger nicht bewegen kann, das geht nicht", sagt Professorin Zhou Guangren.

Und so sind Disziplin und hartes Training Kern der chinesischen Ausbildung. Weil die Eltern ihren Nachwuchs zusätzlich zum Üben antreiben, sind viele chinesische Kinder auf ihrem Instrument technisch brillant. Doch die strenge Disziplin kann die musikalische Entwicklung auch behindern, meint Professorin Chen Man Chen. Denn um sich der Musik zu öffnen, müssen die Jugendlichen ihre eigene, innere Welt erkunden, sie müssen Erfahrungen und Gefühle zulassen. Für die Schüler ist das nicht immer leicht: „Schulen wie unsere fördern die jungen Talente, das ist natürlich eine große Chance. Aber damit ist auch enormer Druck verbunden, auf der Bühne, beim Vorspielen, es ist schwierig, sich unter diesen Umständen wirklich frei auszudrücken."

Musik mit Gefühl

Chen Man Chen selbst hat während ihrer Ausbildung ein Jahr in Madrid verbracht. „Der Druck war viel geringer, und wenn ich am Klavier saß, fühlte ich mich frei, ganz oft war ich sogar glücklich", erzählt sie rückblickend. In Spanien habe sie zum ersten Mal gespürt, was es heißt, mit Freude Klavier zu spielen. Aus Liebe zur Musik. „Meine Lehrerin half mir, die Musik aus sich selbst heraus zu verstehen. Ich habe dann versucht, das, was in der Musik war, nicht mit Technik auszudrücken, sondern mit Gefühl. Und ich wurde besser."

Als Professorin an der staatlichen Musikschule versucht Chen Man Chen, diese Erfahrung weiterzugeben. Ihren Schülern will sie eher wie eine ältere Freundin begegnen. Dafür spielt sie auch einmal Playstation mit ihnen.

Wer den Erwartungen an den Musikschulen standhält, hat gute Chancen, als Student ans zentrale Konservatorium für Musik zu wechseln, an die angesehenste Musikhochschule des Landes. Doch selbst Chinas Ausnahmetalente haben es nach dem Studium schwer. Nach den vielen Jahren harten Übens muss sich etwa Jing Yuan als Privatlehrerin für Anfänger verdingen: „Ich habe erst spät verstanden, dass zwischen Traum und Realität eine tiefe Kluft liegt. Jetzt muss ich mich wohl damit abfinden." Die 26-Jährige ist enttäuscht.

Um dem Traum von einer Musiker-Karriere näherzukommen, wird Nachwuchstalent Lu Xinguy seine Ausbildung im Ausland fortsetzen. In den nächsten zwei Jahren studiert er in den USA. Noch ist der Junge selbstbewusst. Nach China zurückkehren will er, wenn überhaupt, in ein paar Jahren als Star.

Spitzenleistungen: Für Staat und Familie

Frühe Förderung Ob für Sport, Kunst oder Wissenschaften – in China werden fähige Talente schon in jungen Jahren gesucht und gezielt gefördert. Und in einem Pool von 1,3 Milliarden Menschen lassen sich naturgemäß viele Talente finden. Den Erfolg dieser Bemühungen
bekommt die Welt eben bei den Olympischen Spielen in London zu sehen.

Antriebe Viele Kinder unterwerfen sich schon mit vier oder fünf Jahren mit großer Disziplin einem harten Training. Für ihre Eltern ist die außergewöhnliche Begabung des Nachwuchses oft die Chance zu einem sozialen Aufstieg, für den Staat sind die Spitzenerfolge ein willkommener Beweis für die eigene Leistungsfähigkeit im globalen Wettbewerb.

 

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