Kultur
30.09.2018

Kein Nobelpreis: Cees Nooteboom hat gewonnen

Es gibt heuer keinen Literatur-Nobelpreis, also darf man sich den Preisträger erträumen: Die KURIER-Ein-Mann-Jury wählte den Niederländer, der seit 60 Jahren auf dem Wef ist.

In den nächsten Tagen  wäre es so weit gewesen. Aber es wird heuer kein Literatur-Nobelpreis vergeben  (über die Gründe  lesen Sie unten), und das ist eine einmalige Gelegenheit, sich den Gewinner zu erträumen:
In der Schwedischen Akademie in Stockholm läutet das Glöckchen, die Tür geht auf, und es wird verkündet, wie die KURIER-Ein-Mann-Jury   in Wien entschieden hat (einstimmig):
Cees Nooteboom.
Endlich.
Der 85-jährige Niederländer, der seine Bücher nie „gemacht“ hat. Der auf sie wartete, während er reiste. Sehen ist schreiben. Die Bücher kamen von allein. Oft. Nicht immer. Bei einem seiner Wien-Besuche kam nichts Schönes:
Cees Nooteboom hatte bei einem Wiener Chinesen verdorbene Krabben gegessen. Im Flugzeug musste seine Ehefrau, die Fotografin Simone Sassen, zwei Plätze allein für ihn buchen, damit er liegen konnte ...

Reisen ist Lebenshaltung. „Man ist im Auge des Sturms“, hat er in einem KURIER-Interview erklärt. „Mitten im Zentrum ist man. Denn wenn ich reise, reise ICH. Man ist also immer bei sich.“
Seit dem 17. Lebensjahr ist er unterwegs. „Mutter“ – sein Vater war 1945 von einer Bombe getötet worden – „Mutter, auf Wiedersehen, ich gehe.“ 1950, mit Rucksack per Autostopp.
Er ist auf dem Weg, und er ist ein Weg. Mit 20 schrieb er den ersten Roman, „Philip und die anderen“. Seither ist  eingemeißelt:
„Wir sind geboren, um Götter zu werden, und zugleich, um zu sterben; das ist verrückt.“
Aber „du darfst nie aufhören, versprich mir das, du darfst nie aufhören, wahnsinnig zu sein und zu versuchen, ein Gott zu werden. Völlig egal, dass wir immer irgendwo irgendwie stecken bleiben.“
Ein halbes Jahrhundert  älter geworden, ergänzte  Cees Nooteboom ein zweites „Aber“:
Aber  „im Allgemeinen sind wir alle entbehrlich ...“

Ende der 1980er-Jahre  begann der Nooteboom-Boom im deutschsprachigen Raum. Der Suhrkamp Verlag lässt kein Buch aus, auch die Lyrik nicht. (Zuletzt: „Einst warf jemand / einen Stein ins Wasser, diese immer weiteren Kreise / noch immer, sind wir.“)
Da plaudert einer, der wenige Worte braucht, um ganze Welten festzuhalten. Er springt von Kontinent zu Kontinent und von Mensch zu Mensch, was ähnlich ist.
Auch wenn man sich die genaue Handlung im selbstmörderischen Roman „Rituale“ (1985) bzw. die Novelle „Die folgende Geschichte“ (1991), in der ein Sterbender sein Leben  vorüberziehen sieht, vielleicht nicht gemerkt hat:
Beim Lesen gingen/gehen reihenweise die Lichter auf. Nooteboom kann Menschen verändern – wenn sie es zulassen.
Er ist nach wie vor unterwegs, kommt aber regelmäßig nach Amsterdam zurück ... und nach Menorca, wo er weder Handy noch Computer hat, dafür Kakteen, denen er beim Blühen zusieht.
„Sie sind immer so ruhig, selbst wenn es um den Tod geht.“
„Nur in meinen Büchern.“
„Sie können sich also tatsächlich empören?“
„Na hören Sie mal, ich bin doch normal!“

 

Warum es heuer keinen Preis gibt

Die Inszenierung war fantastisch, und es steht zu befürchten, dass der Zauber für lange Zeit, wenn nicht für immer verloren ist.
Journalisten stehen vor einer verschlossenen Tür. Diese geht auf, und eine Frau (zuletzt), zuvor lange Zeit ein Mann, sagt etwas auf Schwedisch und dann einen Namen. Und dann fing es erst an. Kennt den wer? Hat man jetzt richtig gehört  – Bob Dylan? Hurra, Kazuo Ishiguro!
Wer gekürt wurde, dem wurde nicht nur der Nobelpreis, sondern eine Aura des Höchstwertigen verliehen. Eine Aura, die von der Ungreifbarkeit der Schwedischen Akademie lebte. Die ist nun aber Geschichte: Die  Einrichtung ist in einem  Strudel von Übergriffs- und Vergewaltigungsvorwürfen untergegangen.  Es wird daher keinen Literatur-Nobelpreis 2018 geben. Und wie es in Zukunft weitergeht, wie ernst der Preis künftig genommen wird, ist offen.

Auslöser: Der Vorwurf, Jean-Claude Arnault, Ehemann von Akademiemitglied Katarina Frostenson, habe Frauen sexuell belästigt. Arnault sitzt in Untersuchungshaft.  Das Paar soll sich selbst Fördergelder zugeschanzt und die Namen von Nobelpreisträgern ausgeplaudert haben.  Namhafte Mitglieder legten die Arbeit nieder. Von den einst „ehrwürdigen 18“ waren nur noch neun Mitglieder aktiv – so wenige, dass  sie keine neuen Mitglieder berufen konnten.   Der Skandal wurde auch zur Schlacht in der Akademie. Der heurige Preis soll 2019 nachgeholt werden.Wer ihn haben will, ist dabei eine mindestens so große Frage wie die, wer ihn bekommt.   Georg Leyrer