Julia von Sell als Rebekka Weér, Moritz Vierboom als ihr Sohn

© sepp gallauer

Budapester Geflechte ohne Ausweg
03/30/2014

Budapester Geflechte ohne Ausweg

Kritik: "Meine Mutter, Kleopatra" von Róbert Alföldi im Landestheater St. Pölten.

In klaustrophobischer Enge lebt der Schriftsteller Andor mit seiner Mutter. Die Wohnung – Budapest, Anfang der 90er-Jahre – ist zum Gefängnis einer Hassliebe geworden, zur Gruft von Beziehungen und Ambitionen, seit Rebekka Weér vom Karrieregipfel als Schauspielerin – Paraderolle: Shakespeares Kleopatra – ins Nichts gestürzt ist. Ihre Tochter Judit hat Ungarn verlassen, um als Geigerin international zu reüssieren; der Mutter gelingt die von der Partei geforderte Rückholung nicht.

Róbert Alföldi, von Orbáns Kulturpolitik diskreditierter Ex-Intendant des Budapester Nationaltheaters, bringt Attila Bartis’ Stück "Meine Mutter, Kleopatra" (des Autors eigene Dramatisierung seines Kultromans "Die Ruhe") im Landestheater St. Pölten als psychologisches Kammerspiel mit politischem Unterfutter auf die Bühne; deren Gestaltung durch Anni Füzér suggeriert die metallenen Überwachungsstege einer Strafanstalt – gefangen im System, gefangen in der Familiengeschichte.

Als Rebekka entfaltet Julia von Sell alle Facetten einer Diva, von verlogener Schmeichelei über geheuchelte Einsicht bis zu furiosen Ausbrüchen. Nach ihrer Entthronung verlässt sie die Wohnung nicht mehr, konstruiert sich eigene Realitäten und tyrannisiert ihren Sohn.

Ödipale Beziehung

Als Andor buhlt Moritz Vierboom schon als Kind um ihre Liebe – in Rückblenden berührt er als Bub, der sich blind stellt, um die Aufmerksamkeit der exaltierten Mutter zu finden. Die ödipale Grundierung der Beziehung steht bedrängend im Raum und wird fokussiert, wenn Andor der gebrochenen Mutter ihr Kleopatra-Kostüm auszieht und sie wäscht.

Das Ritual der Leichenreinigung geht in eine sexuelle Annäherung über, die hart am Inzest schrammt. Diesen Vorwurf bekommt Andor auch von Eszter zu hören – Lisa Weidenmüller ist grandios als Andors Geliebte, die ihn aus seiner Mutterbindung zu (er-)lösen versucht.

Stark und verletzlich zugleich konfrontiert sie ihn mit ihrer eigenen entsetzlichen Geschichte – letztlich scheitert sie. Andor verstrickt sich im Spinnennetz seiner Verlegerin Éva: mit perfekter Unterkühlung führt Michou Friesz die Mechanismen von Machtausübung durch Sexualität vor. Lakonisch konfrontiert sie Andor mit der Tatsache, dass sie schon die Geliebte seines Vaters war und mit diesem und Rebekka in einer ménage à trois gelebt hat.

Die bildstarke Regie animiert zu schauspielerischen Glanzleistungen, erspart dem Zuschauer aber ebenso wenig wie das Stück selbst. In der Pause erfolgt der Exodus der Zimperlichen. Wer durchhält, wird mit einem fulminanten Abend belohnt, der unter die Haut geht.

KURIER-Wertung:

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