Kultur
16.10.2017

Buchmessen-Eklat: Wir wissen nicht mehr, wer wir sind

Extreme Verlage und Politiker, Rangeleien – und der Friedenspreis.

Der Zustand, in dem Europa 2017 angekommen ist, lässt sich (ganz ohne Wahlergebnisse) kaum besser zusammenfassen als so:

Es war das Jahr, in dem Margaret Atwood, die große, beißend sarkastische Autorin des Untergangs der westlichen Welt, mit dem Friedenspreis des Buchhandels ausgezeichnet wurde, und zwar auf einer Frankfurter Buchmesse, auf der es Wirbel um rechte Verlage und Rechtsaußen-Politiker, Aufrufe zur Gewalt und tätliche Angriffe gab.

Extreme politische Gruppen rangelten, ein Verleger holte sich eine blutige Lippe.

Die Buchmesse, das muss in Erinnerung gerufen werden, ist ein besonderer Marktplatz: Gewidmet dem langsamsten, besonnensten gesellschaftlichen Austausch, nämlich dem Zeitlupen-Diskurs, der zwischen Buchdeckeln gefasst ist und im Leserkopf stattfindet.

Dass ausgerechnet dieser Marktplatz nun voll von der gesamtgesellschaftlichen Hysterie erfasst worden ist? So sähe der Moment aus, in dem sich eine Welt auflöst, wenn es Atwood beschriebe.

Wir wissen nicht mehr, wer wir sind, sagte Atwood bei ihrer Dankesrede.

Sie meinte damit Amerika, die Rolle des Landes in der Welt und auch nach Innen. Sie meinte damit einen Staat, in dem ihre Schreckensvision im Buch Report der Magd vom frauenfeindlichen US-Gottesstaat ein wenig realistischer scheint. Sie hätte auch Westeuropa meinen können, wo öffentliche Auseinandersetzungen mit einer selbstgerechten Unversöhnlichkeit aufgeladen sind, die erschreckt.

Atwood hat, unter anderem im fantastischen Oryx und Crake (2003), diese Unversöhnlichkeit weiterentwickelt: Zu Zukunftsvarianten, in denen die Reichen sich abschotten, die Politik keinen Hehl mehr daraus macht, nur zynisches Geschäft zu sein, in denen die Armen sich keine Moral mehr leisten können und die Reichen das nicht mehr müssen.

Es sind Welten der Extrempositionen, in denen sich jeder gesellschaftliche Kitt verflüchtigt hat, und die Menschen auf Gewalt, Geschäft und Skrupellosigkeit zurückgeworfen wurden.

Da tröstet es wenig, dass Atwood – auch – Humor über diese Zukunft breitet. Es sind Welten, denen man nicht nahekommen will. Und denen wir näher sind, als uns lieb sein kann.