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Literatur
05/10/2019

Buchkritik: Yishai Sarid und seine "Monster"

So wie der israelische Anwalt und Journalist muss man heute vom Holocaust (und vom Tourismus in Auschwitz) erzählen.

von Peter Pisa

Noch ein Roman, der den Titel „Monster“ trägt. Es sind zwei Monster, über die der israelische Rechtsanwalt und Journalist Yishai Sarid (Foto oben) schreibt: der Holocaust – und die Erinnerung, die man erst los wird, wenn man tot ist.
Die Art, die Sarid gewählt hat, um einerseits die Vernichtung und anderseits den KZ-Tourismus zum Thema zu machen, ist genial.
Es ist ein Bericht, es ist die schriftliche Erklärung  eines jungen Historikers an seinen Chef, den Direktor von Yad Vashem.
Er hat nämlich einem deutschen Dokumentarfilmer, dem die Millionen Toten herzlich egal sind und der sie bloß für seine Zwecke verwenden will ... er hat ihm die Nase gebrochen.

Es geht alles vorüber

Mit Schülergruppen, Soldaten, zuletzt mit Touristen  war er nach Polen gereist und hatte jahrelang Führungen in Auschwitz, Sobibor, Majdanek, Treblinka geleitet.
Er ist ein Nachgeborener. Keiner aus seiner Familie wurde ermordet. Aber Erinnern ist seine Mission. Dem Monster namens Erinnerung wird ein Opfer dargebracht.
Die Last ist unerträglich.
Er zeigt Schuhe, Haare, Prothesen und sagt: Das waren einmal Menschen.
Er redet davon, wie den toten Juden  Goldzähne aus dem Mund gerissen und zwischen ihren verkrümmten Beinen versteckte Schmuckstücke gesucht wurden ...
Da beginnt man irgendwann, Kinder nach ihren Eltern schreien zu hören.Und hört das KZ-Orchester den Schlager „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei“ spielen, während alle Juden im Dorf Zamość in die Gaskammer gebracht wurden.
Was sollen da Kerzen? Mühsam herausgepresste Tränen? Selfies??? Der Tourguide verlässt einstudierte Reden und provoziert im KZ mit Fragen wie: Was hätte mich daran gehindert, mich schuldig zu machen? Hätten wir jemanden vor den Mördern versteckt?
Die Antwort, dass man wahrscheinlich Angst gehabt hätte, bringt nicht nur den Fragesteller fast um ...
So muss man heute darüber schreiben. So will man darüber lesen. Man braucht’s.

 

Yishai Sarid:
„Monster“
Übersetzt von
Ruth Achlama.
Verlag Kein + Aber.
176 Seiten.
21,60 Euro.

KURIER-Höchstwertung: *****