Kultur
06.10.2018

Buchkritik: "Lieblinge der Götter" von Amaryllis Sommerer

Ein Ausflug in die 1970er Jahre, als man "irgendwas mit Kunst" und "irgendwas mit Liebe" machte.

Wir haben jetzt Kreisky.
„Jetzt“ ist nicht korrekt, das  merkt man. Aber in  „Lieblinge der Götter“ haben wir jetzt Kreisky, und der Mief verflüchtigt sich (zum Teil ist er zurückgekommen), und es wird bunter. Kurzfristig so bunt, dass zum fliederfarbenen Minirock blaue Ringelstrümpfe getragen werden.
Aber das geht vorüber.
Das waren die 1970er.
Amaryllis Sommerer (Bild oben)  hat nicht „gefremdelt“, als sie sich zurückversetzte in die Jahre bis 1982, als der Regisseur Rainer Werner Fassbinder starb, 37-jährig, vergiftet von Schlaftabletten, Alkohol, Kokain. Auch so ein Liebling der Götter.
Sommerer: „Ich habe versucht, den Tonfall dieser Zeit auszuhalten. Das Pathos der Jugend, den ungebremsten Optimismus, die naive Hingabe, die flirrende Dauereuphorie an der Grenze zum Absturz ...“

Nackt

Und wenn es peinlich wird ... und wenn manches damalige Grenzüberschreiten  heute befremdlich wirkt:   Die Wiener Schriftstellerin distanziert sich nicht. So hat ihr Roman echte Gefühle.
Das Herausgekotzte,  nach Alkoholkonsum und LSD, stinkt ebenso echt.
Gruppen werden beobachtet. Mädchen und Burschen kommen und gehen, die Gruppe zählt.
 Jede(r) ist ein Künstler. Und wenn man sich nackt in den Vogelkäfig stellt ...
Jugendlichkeit ist „in“.
Sommerer zum KURIER: „Das ist wie  heute – aber heute nicht als Protestbewegung, sondern kommerzialisiert, als Wirtschaftszweig.“
Man wollte dabei sein, wenn „ irgendwas mit Kunst“ passiert; und mit einem der schönen Selbstdarsteller machte man dann „irgendwas mit Liebe“.
Mit den richtigen Drogen sieht jeder Bursch wie Lou Reed aus,  und jedes Mädchen trägt die Gesichtszüge von Marianne Faithfull.
Amaryllis Sommerer  studierte Kostümbild, später Theaterwissenschaft, sie war  Filmdramaturgin ... keine Frage, in den Roman ist Autobiografisches eingeflossen.
Wie lange kann man , will man schmuddelig sein? Ist es erstrebenswert, zu den Lieblingen der Götter zu gehören, zu den Künstlern, die sich früh zugrunde richteten?
Es fällt nicht ganz einfach, sich in diese vergangene Welt rutschen  zu lassen (noch dazu, wenn am Morgen die Straßen voll sind mit   jungen geschniegelten, gegelten Leistungsträgern mit Anzug, weißem Hemd, Krawatte und Aktentasche).
Der Ausflug lohnt.
Ein kurzer Befreiungsschlag fast.
... und jetzt bitte   einen Arbeiterroman, in dem wir auch „Kreisky haben“: wie er dafür sorgte, dass nicht so wohlhabende Leute auch in den schönsten, teuersten Gegenden von Wien Wohnungen bekommen haben; und die in Hietzing, Sievering, Grinzing mittlerweile eine andere Partei wählen.
Auch ein ... dankbares Thema.


Amaryllis
Sommerer:

„Lieblinge
der Götter“
Picus Verlag.
256 Seiten.
22 Euro.

KURIER-Wertung: ****